Los 6809

Müller, Richard
(1874 Tschirnitz, Böhmen - 1954 Dresden)"Modeneuheit": Männlicher Akt mit Pfauenfeder

Schätzung
3.500€ (US$ 4,023)

Abgabe von Vorgeboten möglich

Los 6809 - Müller, Richard - "Modeneuheit": Männlicher Akt mit Pfauenfeder - 0 - thumb

Aus dem Katalog
Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts
Auktionsdatum 27.11.2026

Lot 6809, Auction  128, Müller, Richard, "Modeneuheit": Männlicher Akt mit Pfauenfeder

"Modeneuheit": Männlicher Akt mit Pfauenfeder.
Bleistift. 45 x 24,1 cm. Unten rechts signiert und datiert "Rich. Müller 1917 -", verso eigenhändig bezeichnet "Modeneuheit / Ironie auf fremde Kunstrichtungen, die der / Deutsche gern nachahmt.".

Bereits im Mittelalter galt der Pfau als Sinnbild der Eitelkeit. In Richard Müllers satirischer Zeichnung „Modeneuheit“ erhält die Pfauenfeder eine ebenso groteske wie entlarvende Bedeutung. Corinna Wodarz (op. cit., S. 245) bezeichnet sie zunächst zurückhaltend als „extravagantes Kleidungsstück“. Eine ausführlichere Deutung liefert Franz Hermann Meißner, der das Blatt 1921 vor dem Hintergrund der damaligen kunst- und kulturkritischen Debatten interpretiert. Die „Ironie auf die verschiedenen Moderichtungen“, wie der Autor die Zeichnung betitelt, zeigt einen kräftigen Männerakt in Rückenansicht, ohne Kopf, aber mit einer Pfauenfeder im Allerwertesten. Damit werde die deutsche Sucht der Nachahmung fremder Moden verspottet. Der Spott zielt dabei offenbar auch auf gewisse Kunstrichtungen der Neuzeit, die dem standhaften Künstler als lächerlich erscheinen müssen.
Meißners Interpretation ist deutlich von den kunstästhetischen Überzeugungen seiner Zeit geprägt. Die Zeichnung verspottet nicht allein modische Extravaganzen, sondern lässt sich zugleich als bissiger Kommentar zu einer Kunstwelt lesen, deren neue Strömungen Richard Müller mit ausgeprägtem Misstrauen begegnete. Bereits um 1910 hatte er das Experimentieren mit künstlerischen Techniken weitgehend aufgegeben. Während Impressionismus, Expressionismus und Abstraktion ihren Einfluss ausweiteten und die Klassische Moderne zunehmend Anerkennung fand, hielt Müller unbeirrt an einer naturalistischen, handwerklich perfektionierten Auffassung von Kunst fest. Was die Avantgarde als Aufbruch zu neuen Ausdrucksmöglichkeiten verstand, erschien ihm vielfach als Abkehr von den Grundlagen des künstlerischen Könnens.
Auch in seiner Lehrtätigkeit an der Akademie vertrat Müller diese Haltung mit Nachdruck. Seine Schüler wollte er vor einem vermeintlich allzu einfachen Weg des „Schmierens“ und „Kleckselns“ bewahren, der seiner Überzeugung nach nicht zu künstlerischer Freiheit, sondern in Dilettantismus und Anarchie führte. Wie nachdrücklich er seine Vorstellungen vertrat, schildert sein Schüler George Grosz, mit dem ihn lebenslang ein freundschaftliches Verhältnis verband, in seiner Autobiografie Ein kleines Ja und ein großes Nein (Reinbek bei Hamburg 1955). Mit ironischem Respekt erinnert er sich: „Professor Müller regierte mit militärischer Strenge, Malstock und einem Dutzend tödlich spitzer Kreidestifte.“
Vor diesem Hintergrund gewinnt die kopflose Gestalt unserer Zeichnung eine besondere Schärfe. Das männliche Modell, das sich mit einer fremden Feder schmückt, scheint körperlich fest auf den eigenen Beinen zu stehen, hat jedoch im übertragenen Sinne den Kopf verloren. Die groteske Platzierung der Pfauenfeder steigert die Satire ins Absurde: Aus dem Zeichen von Schönheit, Stolz und Eitelkeit wird ein Sinnbild gedankenloser Nachahmung. Wer sich fremden Moden kritiklos anschließt, so ließe sich Müllers Haltung zusammenfassen, gibt nicht nur seine Eigenständigkeit auf, sondern setzt sich zugleich der Lächerlichkeit aus.


Provenienz: Nachlassinventar Richard Müller.
Lempertz, Köln, Auktion 605 im Dezember 1984, Los 869.
Privatsammlung Süddeutschland.

Literatur: Franz Hermann Meißner: Das Werk von Richard Müller, Dresden 1921, S. 70, Abb. 120, S. 119 (als "Ironie auf die verschiedenen Moderichtungen").
Corinna Wodarz: Symbol und Eros. Die Bildwelten Richard Müllers (1874-1954) mit dem Katalog des Gesamtwerks, Göttingen 2002, S. 245, Abb. 131, Kat. Nr. Z 1917.26 (als "Ironie auf die verschiedenen Moderichtungen").

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


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