Los 6808

Müller, Richard
(1874 Tschirnitz, Böhmen - 1954 Dresden)Der dreiste Freier

Schätzung
25.000€ (US$ 28,736)

Abgabe von Vorgeboten möglich

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Aus dem Katalog
Zeichnungen des 16. bis 19. Jahrhunderts
Auktionsdatum 27.11.2026

Lot 6808, Auction  128, Müller, Richard, Der dreiste Freier

Der dreiste Freier.
Bleistift. 79,4 x 62,7 cm. Signiert und datiert oben rechts "Rich. Müller / 1913 -".

Das Jahr 1913, in dem auch unser Blatt entstand, markiert einen Höhepunkt im zeichnerischen Schaffen Richard Müllers. Sowohl in technischer als auch in inhaltlicher Hinsicht erreichte der Künstler eine Meisterschaft, die selbst von seinen späteren Werken kaum mehr übertroffen wurde. Unsere grandiose Zeichnung aus dieser bedeutenden Schaffensphase zählt nicht nur zu den frühesten herausragenden Darstellungen der von Müller bevorzugten Weib-Tier-Thematik, sondern ist zugleich deren bekanntestes Beispiel.
Das Motiv des Marabus entwickelte Müller in Anlehnung an zeitgenössische Darstellungen von Geheimräten im Frack, mit Zylinder, Handschuhen und Gehstock. Neben einer mit Arroganz gepaarten Einfältigkeit schrieb Müller dieser Figur vor allem einen weiteren negativen Charakterzug zu: die sexuelle Begierde. Der Geheimrat, hier in Gestalt eines alten, beinahe kahlen und wenig ansehnlichen Marabus, wirbt um junge Frauen. In unserem Blatt nähert sich der liebestolle Vogel einer jungen, schönen Frau, die nackt auf dem Boden kniet. Als Liebesgabe trägt er Rosenzweige im Schnabel, deren Blüten bereits abgerissen sind; ihre Blütenblätter liegen verstreut auf dem Boden. Die Angebetete hat eine Hand schützend vor das Gesicht erhoben, während sie in der anderen einen Schuh hält, mit dem sie das aufdringliche Tier abzuwehren bereit ist. Müller widmete sich dem Motiv des Freiers wiederholt in unterschiedlichen Variationen. Die besondere Faszination der vorliegenden Darstellung liegt dabei in ihrer außergewöhnlichen Skurrilität.
Auch in technischer Hinsicht stellt Müller mit Der dreiste Freier einen Höhepunkt seines Schaffens dar, insbesondere in der illusionistischen Wiedergabe unterschiedlicher Materialien und Oberflächen. Nie zuvor und auch in keinem späteren Werk hat er ein Gefieder von vergleichbarer Feinheit geschaffen, in dem Flaum- und Schwungfedern in ihrer jeweiligen Beschaffenheit so präzise voneinander unterschieden sind. Ebenso beeindrucken die detailgetreue Wiedergabe des Leders der Handschuhe und Schuhe sowie der Samt des glänzenden Zylinders mit seinem seidigen Innenfutter.
Durch die Verbreitung als Kunstpostkarte und durch gemalte Varianten (Wodartz M 1916.06, M 1921.02, M 0000.72) erlangte das Blatt große Bekanntheit. Zehn Jahre nach seiner Entstehung veröffentlichte Müller das Motiv 1923 zudem als verkleinerte Radierung im Format 29,6 x 24,0 cm (vgl. Rolf Günther: Richard Müller: Leben und Werk mit dem Verzeichnis der Druckgraphik, Dresden 1995, S. 212, Kat. Nr. 124).

Provenienz: Privatsammlung Dresden-Blasewitz.
Galerie Arnoldi-Livie, München 1986.
Privatsammlung Süddeutschland.

Literatur: Franz Hermann Meißner: Das Werk von Richard Müller, Dresden 1921, S. 68 f., Abb. S. 93.
Galerie Arnoldi-Livie: 70 Zeichnungen und Bilder. 1590-1913, Kat. 13, München 1986 , S. 86, Kat. Nr. 51 (Abb. S. 87).
Corinna Wodarz: Symbol und Eros. Die Bildwelten Richard Müllers (1874-1954) mit dem Katalog des Gesamtwerks, Göttingen 2002, S. 206 f., Abb. 131, Kat. Nr. Z 1913.03.

Wir bitten darum, Zustandsberichte zu den Losen zu erfragen, da der Erhaltungszustand nur in Ausnahmefällen im Katalog angegeben ist.


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