Los 2344

Lasker-Schüler, Else
(1869-1945)12 Briefe, 1 Postkarte, 1 Gedicht

Schätzung
25.000€ (US$ 26,316)

Abgabe von Vorgeboten möglich

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Aus dem Katalog
Literatur, Spazierstöcke und Autographen
Auktionsdatum 12.10.2022

Lot 2344, Auction  120, Lasker-Schüler, Else, 12 Briefe, 1 Postkarte, 1 Gedicht

Lasker-Schüler, Else, Dichterin (1869-1945). Sammlung von 12 eigh. Briefen und 1 eigh. Postkarte m. U. "Jusuf", "Jussuf" oder "Else Lasker-Schüler" sowie 1 Gedicht-Typoskript m. eigh. U. "Else Lasker-Schüler". Zus. ca. 36 S. (Tinte und Bleistift). Mit 2 mehrfarbigen Zeichnungen ("Jusuf"-Köpfe) und einem Blumen-Lackbildchen im Briefkopf. Außer der Karte alles gr. 4to. O. O. 1917-1920.
Größtenteils umfangreiche Briefe an die Schauspielerin Tilla Durieux und ihren Ehemann, den Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer, der in den Jahren 1919-1920 Lasker-Schülers 10bändige Werkausgabe herausbrachte. In dem ihr wohlgesonnenen Verleger entdeckte die Autorin einen Mäzen, der geeignet schien, ihr aus ihren ewigen Finanznöten zu helfen. So überschüttet sie ihn in ihrer sprunghaften Art mit phantasievollen Plaudereien, Welt- und Selbstbetrachtungen, die nicht immer leicht zu deuten sind. Schon der erste datierte Brief, vom 28.X.1917 aus der Schweiz, umfasst 10 Großquart-Seiten, eng und flüchtig mit Bleistift auf Briefpapier des "Elite-Hotels Zürich" geschrieben; er sei hier exemplarisch in Auszügen zitiert: Der Brief ist
großenteils mit Nachrichten aus ihrem Theben-Phantasieland gefüllt, als dessen künftigen "Alleinherrscher" sie sich bezeichnet. Weiteren Raum nimmt die Sorge um ihren Sohn Paul ein: "... Mein Knabe Paul ist ein Stück von mir und wir ähneln uns auf ein Haar, nur daß ich 1000 und 14 Jahre bin, er aber 18 Jahre alt ist und ich die 1000 Jahre bei ihm gestrichen habe ... Ich aber überschaue ihn und leite ihn und weiß was ich zu tun habe, denn ich bin nicht allein seine Mutter, ich bin auch sein Freund, sein Arzt und sein Kaiser der Abigail Jussuf, von dessen Lebensgeschichte einzelne Menschen, hoffe ich, verblüfft sein werden einmal. Hochverehrter Herr Paul Cassirer, jeder Gipfel hat seine Aussicht und seine Erde und seinen Himmel, ich hoffe daß Sie auch heute noch an die Höhe meiner Kunst glauben, an Mich. Es kommt nur darauf an, wie oft ich noch mich recken kann; und - daß ich Bewegungsfreiheit habe. Diese Freiheit hängt mit der Gesundheit des Körpers zusammen ... Ich, die ich nun ein halbes Leben für mich und meinen Sohn sorge, mich oben hielt, meinen Sohn äußerst gut hielt - ja warum all dieses Mißtrauen. Ich will einen eisernen starken Menschen erziehen - ich will daß mein Sohn zunächst körperlich befestigt wird, nicht an Schwindsucht endet wie es das Loos meiner Verwandten war ... Es handelt sich heute darum ihn zu befestigen und zwar, daß ich nicht kleinlich bin sondern ihn erhalte. Ich konnte es selbst durch verschiedene Dinge in Friedenszeiten in Deutschland, nun aber auf Anraten der Ärzte, fremder Krankenhausärzte, etc. sandte ich, der Kaiser von Theben, ihn meinen Sohn nach der Schweiz, zunächst ihn sich, aber dann ihn Mir zu erhalten. Ihr Karlchen (ich mache keinen Unterschied zwischen Mensch und Bild) würde ich auch zu erhalten suchen, zumal ich verliebt in Karlchen bin, ich denke an Karlchen ... (ich liebe die Puppen wie ein Kind), und ich bitte Sie und Tilla Durieux immer dieses goldene Karlchen zu zu pflegen, auch wenn es mal alt wird 1000jährig wie der Malik von Theben. Mein Sohn Paul ist mir der teuerste Mensch, den ich kenne, er ist schön, er ist gutherzig, er ist stolz, er ist fleißig, er ist kindlich, er ist ein entzückender Lausejunge wie die Freunde, die eigentlich alle meine Söhne sind. Ich weiß was ich tue, und mein erster in Theben ist der Vicemalik, der Herzog von Leipzig, mein teurer, weitsichtiger, kühldenkender Hans Adalbert von Maltzahn, der mich an meine Brüder erinnert ... Ich habe lieb: Franz Marc, Fritz Wolff, Leo Kestenberg, Frau Prof. Herrmann und Ihre liebe Frau, Frau Prof. Otto, Fürstin Wied ... und meine Freunde in Berlin, meine Spielgefährten, ihre Liebe wird mich nie verlassen im Leben und Tode nicht. Wer mein Kind hier so verleumdet, schlagen wir mit der Axt tot. Mein Kind hat eben die Manieren eines bescheidenen Menschen mit Takt und vielleicht übertriebener Höflichkeit eines feinen, oft schüchternen Menschen ..." (etc.). - Man gewinnt den Eindruck, daß der Brief auf eine pekuniäre Bitte hinausläuft, aber dann heißt es: "Ich nehme nichts. Ich bin frei. Ich dachte Ihnen den Malik von Tiba zu verkaufen, ein Buch seinesgleichen mit Illustrationen von mir mit 6-7 Kronen, Modelle von Franz Marc für den Kaiser von Theben, Campendonk, Kaiser, Richter (nicht Hans Richter, der andere), Lederer ...".
Ein undatierter Brief an Tilla Durieux, auf dem gleichen Hotel-Papier, wird noch materieller: "... im Schaufenster sah ich drei blassrosa geschnitzte Korallenbroschen. Ich hatte mich schrecklich gefreut, Ihnen eine davon zu bringen, aber ich kann auch hier in diesem Fall selbst nicht mehr so leichtsinnig sein. Sie sind teuer, aber wunderschön alle drei für das graue Kleid. Mir geht es noch immer miserable! Mein Körper gebrochen. - Inl. Ehrenkarte zu meinem Abend daran kein Stern hängt. Mein Zimmer sieht ebenso verstaubt und verfahren aus wie ich ...".
Die übrigen Briefe mit vielen Themen beiderseitigen Interesses: Tilla Durieux' Bühnenrollen, Elsas und ihres Sohnes Leben, eigene Dichtungen ("Meine Wupper wird März aufgeführt Berlin"), Essays und Zeichnungen, Konflikt und Probleme mit Paul Cassirer (61/2 S.), Nachrichten von Freunden und Bekannten, Gedanken über eigenes Dasein und Schaffen, Dank für Wohltaten der Cassirers und manches andere.
Ein undatierter Brief mit "Jusuf"-Kopf am Beginn ist charakteristisch für Else Lasker-Schülers Stil und Gehalt in der hier vorliegenden Briefreihe. "... Wie Sie mir das Budget für meinen Thon gaben, rührte mich tief, ich meine die Art und Weise. Daß Sie als Ehrensache betrachten, meine Bücher in Ihren Verlag zu nehmen, weiß ich und macht mich stolz. Ich möchte Ihnen beiden noch etwas Gutes sagen: Wie Paul Cassirer verschiedenartig hin und gegenfließt ist elementar. Er ärgert sich selbst über eigene Belehrungen und wird den Primaner nicht los und Sie Frau Durieux sind ein Schelm im Geben. So bleiben Sie gut dem Strandräuber von Theben Jusuf". - Das Gedicht-Typoskript, betitelt "Tilla Durieux", umfasst 15 Strophen zu je 3 Zeilen (3 Bl., einseitig beschrieben, mehrfach textlich verbessert und am Schluß signiert: "Else Lasker-Schüler") und ist eine vorzügliche poetische Beschreibung der ganzen Persönlichkeit der Schauspielerin: die bekanntesten Rollen und ihre Interpretation, die körperliche Wirkung der Künstlerin und ihre Verewigung durch Ernst Barlach. - Sehr schöne, gehaltvolle und bisher unveröffentlichte Briefreihe, die mehrere Jahre aus dem Leben drei sehr unterschiedlicher, aber jeweils in ihren Sphären gleichermaßen berühmter Persönlichkeiten beleuchtet. – Alle Teile gelocht; wenige Bl. mit Randschäden.

** English **

Provenienz:
Die Dokumente gingen von der Künstlerin an Ihre Freundin Hertha Olga Kučera (1902-1984), mit der Sie auch noch aus Deutschland einen regen Briefwechsel unterhielt. Hertha Kučera war die Schwiegertochter des berühmten kroatischen Astronomen Oton Kučera (1857-1931) und dessen Frau Jelena (Jelka) Kučera sowie die zweite Ehefrau deren Sohn Vlaho Kučera (1898-1983). Wahrscheinlich hatte Tilla Durieux ihr die Briefe als Andenken geschenkt, denn sie finden sich nicht als inventarisiert in der sog. „Protected Collection“, die unter der Museums of the Department of Art and Culture of the Ministry of Education of the Federal Republic of Croatia direkt nach Ende des Krieges eingezogen worden waren. Vielmehr befanden sich die Unterlagen im Privatbesitz der Kučera-Familie bzw. dann physisch auch in Deutschland.
Lediglich die Kunstwerke, die unter dem Protektorat des Kroatischen Staates (Jugoslawien) standen, stellte Tilla Durieux dann auch in Zagreb in einer Dauerausstellung öffentlich aus, die Briefe und sonstigen schriftlichen Unterlagen waren auch hier nicht Teil der Sammlung (vgl. dazu MK-UZKB-KOMZA, Privatne zbirke, Zlata Lubienski Collection, document no. 25406-III-1- 1945, of November 13th , 1945. 22 MK-UZKB-KOMZA, Privatne zbirke, Zlata Lubienski Collection, document no. 315-1945; SLADE ŠILOVIĆ 1995, pp. 73-81. 23 GZZSKIP-DTD, document no. 02-1028/1-1967. Decision of registration of Tilla Durieux collection in Nation register of moveable Cultural Heritage, of November 9th, 1967. In 1948 a list of items in the collection was made).
So waren die originalen Typoskripte der Memoiren der Durieux, die die Grundlage waren für die Publikation (1954 eine sehr stark gekürzte und bearbeitete Ausgabe unter dem Titel "Eine Tür steht offen" und 1971 eine wieder ganz veränderte und durch Fortsetzung ergänzte "Meine ersten 90 Jahre"), auch teilweise erst nach dem Kriege in Berlin entstanden, wo sie dem Verlag als Grundlage dienten, sie befanden sich also zusammen mit den anderen Dokumenten in Deutschland.
Die rechtmäßigen Eigentümer der uns vorliegenden Dokumente, die Erben der Kučera-Familie, verkauften sie, nachdem die Dokumente zunächst dem genannten Museum in Zagreb angeboten worden waren. Über den Verkauf gibt es von einem staatlich vereidigten Notar („Republika Hrvatska Zabreb Za vršitelja dužnosti bilježnika predsjed“) eine Urkunde, die nicht nur das Eigentumsrecht der Kučera-Familie bestätigt, sondern auch den Verkauf der sich schon in Deutschland befindenden Dokumente offiziell bestätigt (auf Anfrage in Kopie erhältlich).


Provenance:
The documents were sent by the artist to her friend Hertha Olga Kučera (1902-1984), with whom she also maintained a lively correspondence from Germany. Hertha Kučera was the daughter-in-law of the famous Croatian astronomer Oton Kučera (1857-1931) and his wife Jelena (Jelka) Kučera and the second wife of their son Vlaho Kučera (1898-1983). Tilla Durieux had probably given her the letters as a souvenir, because they are not found as inventoried in the so-called "Protected Collection", which had been confiscated under the Museums of the Department of Art and Culture of the Ministry of Education of the Federal Republic of Croatia immediately after the end of the war. Rather, the documents were legally in the private possession of the Kučera family or then physically also in Germany.
Only the works of art that were under the protectorate of the Croatian state (Yugoslavia) were then publicly exhibited by Tilla Durieux in a permanent exhibition in Zagreb; the letters and other written documents were not part of the collection here either (cf. MK-UZKB-KOMZA, Privatne zbirke, Zlata Lubienski Collection, document no. 25406-III-1- 1945, of November 13th , 1945. 22 MK-UZKB-KOMZA, Privatne zbirke, Zlata Lubienski Collection, document no. 315-1945; SLADE ŠILOVIĆ 1995, pp. 73-81. 23 GZZSKIP-DTD, document no. 02-1028/1-1967. Decision of registration of Tilla Durieux collection in Nation register of moveable Cultural Heritage, of November 9th, 1967. In 1948 a list of items in the collection was made).
Thus the original typescripts of Durieux's memoirs, which were the basis for the publication (in 1954 a very much abridged and edited edition under the title "A Door Stands Open" and in 1971 a "My First 90 Years", again completely changed and supplemented by continuation), were also partly written after the war in Berlin (after 1951) where they served as the basis for the publishing house, so they were in Germany together with the other documents.
The rightful owners of the documents in our possession, the heirs of the Kučera family, sold them after the documents had first been offered to the aforementioned museum in Zagreb. There is a deed from a state-sworn notary ("Republika Hrvatska Zabreb Za vršitelja dužnosti bilježnika predsjed") confirming not only the ownership of the Kučera family, but also officially confirming the sale of the documents already in Germany (copy available on request).


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