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Musil, Robert
Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten

Lot 2104

Musil, Robert, österr. Schriftsteller und Theaterkritiker, der an seinem zur Weltliteratur zählenden Hauptwerk "Der Mann ohne Eigenschaften" seit 1920 bis zu seinem Tode arbeitete (1880-1942). Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten; ferner 15 Briefe u. 13 Karten von Martha Musil. - Eingelegt in moderne, mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogene Funktions- und Präsentationskassette (Maße: 11 x 16 x 25 cm).

Die überwiegend unveröffentlichte Korrespondenz Robert Musils und seiner Frau Martha Musil, geb. Heimann, mit dem gemeinsamen Jugendfreund, dem Psychologen Gustav Johannes von Allesch (1882-1967). Die Korrespondenz beginnt im Jahre 1906 und erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren zunächst bis 1911, wobei jeweils alle zwei bis drei Monate geschrieben wurde. Bis zum Krieg und über diesen bis zu dessen Ende schweigen die Federn, dann hebt die schriftliche Konversation wieder 1918 an, verringert sich in den Jahren 1920 bis 1926, um in der Zeit von 1927 bis 1949 wieder den alten Rhythmus von mehreren Briefen und Karten pro Jahr zu erreichen.
Anschließend folgt eine Aufstellung mit einigen Angaben über den Inhalt der Briefe sowie mit Hinweisen auf die wenigen veröffentlichten Briefe, die in Karl Dinklages "Robert Musil, Leben, Werk, Wirkung" (Lizenz-Ausgabe Rowohlt 1960, gedruckt wurden. Der Abdruck dort auf den Seiten 277 bis 324).

"Die Briefe Robert Musils an Johannes von Allesch gehören ohne Zweifel zu seinen persönlichsten. Allesch sei 'einer der ganz wenigen Menschen, mit denen Musil wirklich befreundet war', schrieb W. Berghahn. Am Ende seines kleinen Essays 'Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit' (in: R. Musil. Leben, Werk, Wirkung, ed. K. Dinklage, 1960) schreibt der Adressat: 'Allein in der Ferne, in dem Gedanken eines 'Generalsekretariats der Genauigkeit und der Seele' klingt bei Musil, der trotz aller Zweifel bei jeder Vorstellung ... von der Zuversicht auf die letzten Endes doch alles bewältigende Ratio geleitet ist, eine Hoffnung auf, als wäre nach dem großen Erdbeben unserer Epoche eine Rettung und ein Wiederaufbau auf dem reinen Weg der Sachlichkeit uind durch geläuterte Begriffe wie die der Mathematik möglich. Der Mann ohne Eigenschaften, seine Pläne und Spekulationen und er selbst werden zwar in das Inferno des Krieges hineingerissen und versinken, wie auch der Schauplatz dieses Gedankenspiels, das alte Österreich, versinkt, aber igendwie klingen die ersten Töne eines neuen Anfangs vom Horizont her und kaum vernehmbar auf'." (zit. nach J. Leinweber, Katalog XIV, 1985, 49-137).

Hier sollen nur einige wenige Brieftexte zitiert werden, eine vollständige Aufstellung mit Hinweisen auf Dinklage ist auf Anfrage erhältlich.

Rom, 31. Januar 1910 (2-seitiger Brief mit Briefkopf des Hotel Lavigne, Rom. Robert Musils spätere Frau Martha war die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Benny Heimann in Berlin. Sie war Schülerin von Lovis Corinth. „In Rom heiratet sie ihren zweiten Mann, den italienischen Kaufmann Enrico Marcovaldi, mit dem sie zwei Kinder hat. Da die Ehe sich jedoch als nicht sehr glücklich erweist, kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie bei einer Schwester, deren Mann einen Kunstsalon unterhält, den nötigen Rückhalt findet“ Wilfried Berghahn, Robert Musil, 1963). Musil schreibt: „Wir befinden uns in vollem Kriegszustand. Nicht ohne Situationswitz; Sie erinnern sich, daß Sgr. E(nrico) zuletzt eine Frist bis zum 31. verlangte um sich gütlich zu einigen. Das war - wie wir vermutet hatten - wirklich eine List; er benutzte die Zeit um sich mit Geld u. Advokatenratschlägen zu versehen u. reist heimlich nach Berlin, uns zu überraschen u. die Kinder zu entführen … Dieweil der daneben gesprungene Löwe in Berlin ist, sitzen wir hier in seiner Höhle u. benützen seine Abwesenheit nach Kräften“. Musil bittet von Allesch, die gegenwärtige Wohnung Marcovaldis zu ermitteln: „…aber bitte größte Vorsicht … Hauptsächliche Charakteristika: 1,75 groß, sehr stark, schwarz stark meliert, kleiner Hinterkopf u. im Verhältnis großes Gesicht, Tenorgang…“.
Aus Wien, Floriansgasse 2, am 4. November 1919 schreibt Robert Musil: „… ich war damals in Berlin so knapp mit d er Zeit und so gehetzt , daß ich Dich auf der Visitekarte sogar, wenn mich nicht alles täuscht, mit 'Sie' an gesprochen habe. Zum Glück bist Du kein Wiener Psychologe, der mir daraus einen Fallstrick drehen würde. Den Münchner Aufenthalt bei der Heimkehr mußte ich dann aufs äußerste restringieren, weil uns ein Telegramm Gaetanos (i.e. Musils Stiefsohn) Ankunft in Wien erwarten ließ" Neben anderem auch über Alleschs Ehe.
Wien, am 13. Dezember 1919: "Pekuniär geht es uns allen schlecht , wie sich denken läßt , aber schließlich bringt man das Rätsel des Weiterlebens zuwege; wie , weiß man von sich selbst nicht. Die Reise nach Berlin ist nicht aufgegeben ..." und ebendort am 24. Dezember 1920 mit sehr ausführlichen Worten über die Verhandlungen mit den Verlagen Rowohlt und Fischer wegen Musils Schauspiels 'Die Schwärmer'. Robert Musil schreibt: "Du wirstverstehn , daß ich innerlich auf das Schlimmste gefasst , selbst gegen das Beste ein gewisses Mißtrauen aufbringe." Das Mißtrauen , das allen nicht-expressionistischen Dramen von den 'umsatzorientierten großen Verlegern entgegengebracht wurde, erklärt die Schwierigkeiten , die Musils ' Reflexionstheater' , sein auf der Bühne schwierig realisierbares Meisterwerk hatte. 'Die Schwärmer. Schauspiel in drei Aufzügen' wurde dann 1921 in Dresden im Sibyllen-Verlag gedruckt; erst 1925 dann auch bei Rowohlt.
Die folgenden Briefe mit umfangreichen Ausführungen und Kritiken am Burgtheater (Wien am 1. Juni 1921), über die gegenwärtigen Kosten des Lebensunterhalts und der Lebensmittel am 16. Dezember 1921: „Einige Illustrationen:; Ein Abendbrot für zwei, gestern in einem einfachen Lokal: 1100 K(ronen). Ein kg. Kaffee: 2600 K. Eine Schale Kaffee zwischen 50 u. 90 K. … Ein Laib Brot (weiß) 148 K. Ein Paar Würstl im Geschäft 150 K., 10 d(ezi)kg. Wurst von 110 bis 700 K. 1 kg. Rindfleisch über 1000 K. Ein Ei 120 K. Büchse Kondensmilch 1200 K. 1 kg. Reis 500 K. … Eine Fahrt auf der Elektrischen 30. … Ein Zimmer für 2 Personen schätze ich auf 10.000 K. monatlich (wer zu bekommen)…“.
Am 20. Dezember 1925 beschwert sich Musil über Ernst Rowohlt: „Tatbestand: Er schickt mir kein Geld und antwortet auf meine Briefe nicht. Seit Oktober. Bis dahin war ich sehr zufrieden mit ihm. Mit den Zahlungen gab es manchmal Verzögerungen, aber er war immer hilfsbereit, entgegenkommend und nicht kleinlich … Das Unerhörte ist, daß er mir nicht ein Wort schreibt, warum und wielang ich mich gedulden soll“. Endlich geht dann wieder Geld von Rowohlt ein, was Musil wohl auch von Alleschs Nachdruck zu verdanken hat: „Vielen Dank! Du bist ein wundervoller Kampfengel“, am 20. Dezember 1925.
Gemeinsamer Brief von Robert und Martha Musil aus Haus Parth in Ötz in Tirol am 5. September: "Die Nehrung ist nach Ihrer Beschreibung wunderschön und verlockend dort zu sein; nur liegt sie für Europäer ohne besondre Zugehörigkeits- Heimats- und Gefühlseinstellungen ebenso weit vom Mittelpunkt der Erde (Romanisches) entfernt wie Osaka. Also nur mit Phantastik und Glück kommt man dorthin", schreibt Martha und Robert ergänzt: "Die Luft hat meinem Roman gut getan, und ich muß das ausnützen. Dann steht noch Karlsbad bevor. Und um alles herum die allgemeine Unsicherheit meines Lebens."
In einem Brief vom 27. Dezember 1929 schreibt Robert Musil aus Wien: "Die beigelegte Rezension hat mich nun dadurch melancholisch gemacht, daß sie mir meine Unbekanntheit in Greifswald von Deinem Eingreifen von Augen stellte, die so wichtig für mein Schicksal ist, da die Provinz schließlich entscheidet und die Leute aus dem plätschernden Dichtenwald das Vordringen dahin so viel leichten haben. Jetzt bin ich sicher, mein Plätzchen wenigstens in Greifswald und wenn auch neben Hans Watzlik, dem deutschen Dichter ... zu haben".
Und am 9. Mai 1930 wieder über Rowohlt über den Mann ohne Eigenschaften: "Ich habe den Eindruck, daß er (Rowohlt), wenn kein Erfolg kommt, nicht mehr weiter will, und von den Bedingungen, unter denen ich weiter arbeiten muß, kann ich nun sagen, daß sie u n m ö g l i c h sind. Ich mußte aber gute Miene zum bösen Spiel machen, weil ich mit einem halben Riesenbuch in der Hand bei den heutigen Lage den Dinge völlig hilflos bin."
In einem umfangreichen, hochbedeutenden Brief vom 15 März 1931 schreibt Robert Musil: "Wenn ich die Kritik überblicke, sehe ich: Erstens die merkwürdige Erscheinung, daß man den Mann o. E. imstande ist, bis aufs Höchste zu loben, beinahe ohne daß dabei für den Dichter davon etwas abfällt. Man sagt z.B. Unter den europäischen Romanen der bedeutendste, oder:' Kein zweiter deutscher Roman erreicht diese Höhe: daß ich aber danach zumindest unten den deutschen Dichtern bisher unterschätzt werden sei, davon spricht kein Mensch, so als ob das eine ganz andere Sache wäre. Darum würde es mir wichtig und dankbar erscheinen, den Nachweis dafür zu erbringen, daß der letzte Roman, bloß in breiterer Entfaltung, ja doch nur die andern Sachen fortsetzt. Zweitens entnehme ich der Kritik - nicht so sehr als formulierte Einwände, wie als Spuren von ausgestandener Schwierigkeit - die große Unsicherheit dem Problem der Gestaltung gegenüber. Der Roman unseren Generation (Thomas Mann, James Joyce, Marcel Proust etc.) hat sich allgemein vor der Schwierigkeit gefunden, daß die alte Naivität des Erzählens der Entwicklung der Intelligenz gegenüber nicht mehr ausreicht. Den Zauberberg halte ich in dieser Hinsicht für einen ganz mißglückten Versuch; in seinen 'geistigen' Partien ist er wie ein Haifischmagen. Proust und Joyce geben, soviel ich davon gesehen habe, einfach der Auflösung nach, durch einen assoziierenden Stil, mit verschwimmenden Grenzen. Dagegen wäre mein Versuch eher konstruktiv und synthetisch zu nennen. Sie schildern etwas Aufgelöstes, aber sie schildern eigentlich gerade so wie früher, wo man an die festen Konturen der Dinge geglaubt hat."
Ein maschinenschriftlicher Brief, datiert Wien am 2. Februar 1938: ”Ich bin seit dem Frühjahr, wo ich von Row(ohlt) zu B(ermann) F(ischer) überging, so bemüßigt, eine Fortsetzung meines Romans zur Veröffentlichung zu bringen, daß ich einfach einen Sack üben dem Kopf trage und nicht imstande bin, Freundschafts- und Menschenpflichten zu genügen. Du müßtest schon einmal mit höheren Ermächtigung in den Tabubezirk kommen, der mich beherbergt, damit wir uns aussprechen können und vielleicht herausfinden, wozu wir auf den Welt sind !!“

Professor Dr. Johannes von Allesch, der Empfänger der Briefe, lehrte an der Universität Göttingen. In dem von Dinklage herausgegebenen Buch ist sein Aufsatz "Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit" erschienen. Schon 1975 wurde im Auktionskatalog vermerkt, was heute, 44 Jahre später, noch (bzw. noch mehr) gilt: "Briefe Musils werden im Handel selten angeboten. Das 'Jahrbuch der Auktionspreise' verzeichnet seit 1950-1972 nur etwa zwölf Einzelbriefe. Eine Korrespondenz dieses Umfangs und von dieser Be­deutung darf daher ein besonderes Interesse beanspruchen". In den Beschreibungen des Leinweber-Katalogs finden sich teils ausführliche Briefzitate (in Kopie beiliegend).
– Nur übliche Gebrauchsspuren, minimale Bräunungen, meist sehr gut erhalten. Beiliegen Photokopien zur Dokumentation der Provenienz: 1975 Katalog Hauswedell & Nolte, 209/158 sowie 1985 Leinweber XIV, 49-137. Dazwischen in Privatbesitz.
Die Präsentationskassette ist ein kleines buchkünstlerisches Wunderwerk: Sie schützt den hohen Stapel der Autographen in einem inneren Kasten, der von einem äußeren umgeben wird. Dieser ist mit einer getreppten Klappe versehen, auf der in braunen Lettern ein Titel eingedruckt ist: "Robert Musil. Korrespondenz mit Johannes von Allesch 1906-1939". Hebt man die Klappe an dem Kirschholzgriff, klappt sich ein Rahmen auf (hier findet sich die Signatur des Meisterbuchbinders "Renaud Vernier. Maître d'Art. 2005"), der als Stütze dient für eine wiederum ausklappbare, dreifache Flügelkonstruktion: Diese ebenfalls mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogenen, durch drei breite Gelenke miteinander verbundenen Flügel ergeben ausgefaltet ein altarhaftes Triptychon mit drei hinter Plexiglasscheiben eingelassenen Porträtpostkarten des jugentlichen Autors Robert Musil. Vor diesem Altar darf der Betrachter nun die somit freigelegten Autographen wie die Reliquien eines Heiligen ehrfurchtsvoll lesend betrachten. – Beiliegen zahlreiche Briefkuverts, teils eigenh. von Robert bzw. Martha Musil beschriftet, von denen noch vier hinzuerworben werden konnten (und nicht Teil des Angebots der beiden genannten Häuser war).

Estimate
€ 120.000   (US$ 147.600)


After-Sales Price
€ 100.000   (US$ 123.000)



» Autographs
Sartre, Jean-Paul
Marginalien zu Husserl aus den Jahren 1933/34

Lot 2117

Sartres Arbeitsexemplare zweier Husserl-Schriften
Sartre, Jean-Paul, französischer Philosoph und Schriftsteller, vor allem Dramatiker, Hauptvertreter des Existentialismus (1905-1980). Eigh. Marginalien zu Edmund Husserl aus den Jahren 1933/34, notiert während seines Stipendiats am Institut Français in Berlin. Notate von seiner Hand auf über einhundert Seiten der beiden Schriften: a) Ed­mund Husserl. Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie.
Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie.
3. unveränderter Abdruck. Halle, M. Niemeyer 1928 (= Sonderdruck aus: "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologi­sche Forschung", Band 1/1913). VIII, 358 S. 23,5 x 17,6 cm. OLeinen. - b) Derselbe. Vorlesungen zur Phänomeno­logie des inneren Zeitbewußtseins. Hg. v. Martin Heidegger. Halle, M. Niemeyer 1928 (Sonderdruck aus: "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung", Band IX/1928). V, 130 S. (S. 367-496 der Jb.-Paginierung). 23,5 x 17,6 cm. OLeinen. Beide Bände zusammen in moderner schwar­zer Maroquinkassette (oberer Deckel lose) mit goldgeprägtem RTitel. Berlin 1933-1934.

Zwei Bände der philosophischen Schriften Husserls aus dem Besitz Jean-Paul Sartres mit dessen eigenhändigen Randbemerkungen. Meist in violetter Tinte, teils auch in Schwarz, ferner auch einige Bleistiftmarkierungen, die zusammen eine Ideenskizze des Existentialisten ergeben, ein „Brouillon“ zu einem später ausformulierten Essay. Die ausführlichen, hier unten zitierten Auswertungen des Jahres 1986 sind inzwischen von dem belgischen Philosophen und Politologen Vincent de Coorebyter revidiert, korrigiert und ergänzt worden, wobei er den Begriff „Präreflexives Cogito“ bei Sartre in den Mittelpunkt seiner Studie stellt und untersucht, inwiefern das philosophische Brouillon, also die ersten Ideenskizzen Sartres zu den beiden Husserl-Büchern, den Schluss erlauben, dass dort schon die berühmten Thesen Sartres in Anklängen zu finden sind. Tatsächlich hat sich Sartre zu seinen Anmerkungen selbst einmal in einem Interview geäußert, woraus deutlich wird, welche fundamental wichtige Bedeutung die Husserl-Studien für sein philosophisches Werk sind: „So war ich denn in Berlin, und las Husserl und machte mir Aufzeichnungen. Bei meiner Ankunft wußte ich noch nichts ... Zunächst einmal mußte ich also die ,Ideen‘ lesen... Die ,Ideen‘, nichts anderes als die ,Ideen‘. Sie müssen wissen, daß für mich, der ich langsam bin, ein Jahr für die Lektüre der ,Ideen‘ gerade ausgereicht hat“ (Sartre. Ein Film. 1978, S.30).

„Um die Entstehung des Begriffs ‚präreflexives Cogito‘ bei Sartre zu untersuchen,“, so Vincent de Coorebyter „muß man das Konzept des philosophischen Brouillons erweitern. Präreflexif taucht schon in ‚La Transcendance de l’Ego‘ auf, während mehrere spätere Essays mit dem Begriff ungeschickter umgehen, als wären sie Brouillons eines älteren Textes. Somit muß das Herausreifen des Begriffs anders erforscht und, nach Sartres eigener Ausgabe, im Werk von Husserl gesucht werden. Sartres Randbemerkungen in seinen Exemplaren von ‚Ideen‘ und ‚Zeitbewußtsein‘ zeigen, daß in den beiden Hauptwerken von Husserl, wenn auch fast unabsichtlich und nicht eindeutig, der Sartresche Begriff antizipiert wird. Kann also Husserls ‚Zeitbewußtsein‘ als ein Brouillon von Sartres ‚Transcendance de l’Ego‘ angesehen werden?“ (dt. Abstract des in Fotokopie beiliegenden ausführlichen Aufsatzes: „Qu’est-ce que’un brouillon philosophique? Le temps et le préréflexif dans les notes de Sartre en marge de Husserl“, in: Genesis, Philosophie, Manuscrits, recherches, invention. Revue internationale de critique génétique, S. 107-124, Abstract S. 124).

Wir zitieren hier eine Aufnahme des Jahres 1986: „In einem biographischen Abriß zu Sartres Leben und Werk lautet die Eintragung für die Jahre 1933/34 knapp: „Studium Husserls und Heideggers in Berlin“. Etwas ausführlicher liest man in einer Zeittafel: „Stipendiat am Institut Français in Berlin. Studium der zeitgenössischen deutschen Philosophie, besonders Husserls und Heideggers." Die hier vorliegenden Arbeitsexemplare zweier Husserl-Texte aus der Bibliothek des großen französischen Philosophen stellen nicht nur hochbedeutende biographische Zeugnisse für dieses Studium, sondern zugleich die Dokumente dieser intensiven Auseinandersetzung mit deutscher Philosophie während des einjährigen Berliner Studienaufenthaltes dar: Randbemerkungen als schriftlicher Niederschlag philosophischer Lektüre und selbst ein Stück Philosophie des jungen Philosophen, der noch vor seinen ersten bedeutenden Veröffentlichungen steht. Diese erfolgen nur wenige Jahre später in direktem Bezug auf die Berliner Studienjahre.

Rückblickend hat Sartre selbst über diese Zeit geschrieben: „1933 habe ich zum ersten Mal Husserl, Scheler, Heidegger und Jaspers, während eines einjährigen Aufenthaltes in der Maison Française in Berlin gelesen.“ Diese Ausführungen finden sich in der Untersuchung „Marxismus und Existentialismus“ aus dem Jahr 1960 (dt. Ausg., S. 34), in der sich nur wenige Sätze weiter auch ein Hinweis findet, wie denn philosophische Lektüre auszusehen habe, wenn sie nicht nur oberflächlich bleiben will (ein Vorwurf, den Sartre gegenüber Lukacs und dessen Heidegger-Verständnis erhebt): man müsse den in Frage stehenden Text wirklich „lesen (Hervorhebung bei Sartre) und Satz für Satz den Sinn erfassen.“ Ebendiese Lektüreintensität („Satz für Satz“) belegen die vorliegenden Handexemplare: Sartre hat ,seinen' Husserl nach dieser strengen Regel studiert (Sartres Deutsch­kenntnisse waren nicht nur ausreichend, sondern sehr gut). Die überaus zahlreichen Marginalien und Anstreichungen der vorliegenden Bände bezeugen den Intensitätsgrad der Lektüre, wobei der Füllfederhalter die Stationen der stärksten Beschäftigung markiert (und überliefert hat).

Wie zentral und epochemachend die Husserl-Lektüre neben der des Husserl-Schülers und Nachfolgers auf dem Freiburger Lehrstuhl, Martin Heidegger, für Sartre gewesen ist, davon sprechen die beiden ersten philosophischen Veröffentlichungen, die im Jahr 1936 erschienen: „La Transcendance de l’ego, esquisse d’une des- cription phenomenologique“ (zuerst in der „RecherchesPhilosophiques“, 6, 1936/37, S. 85-123; dt. unter dem Titel „Transzendenz des Ego. Versuch einer phänomenologischen Beschreibung“, 1964) sowie „L’imagination, étude critique“ (Paris 1936; dt. unter dem Titel „Über die Einbildungskraft“, 1964). In dem zuletzt ge­nannten Essay, dessen vierter Abschnitt „Husserl“ überschrieben ist, liest man einleitend: „Das wichtigste Ereignis in der Philosophie vor dem Ersten Weltkrieg war zweifellos das Erscheinen des ersten Bandes des Jahrbuchs für Philosophie und phänomenologische Forschung', das Husserls Hauptwerk enthielt: ,Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie'. Dieses Buch sollte die gesamte bisherige Philosophie wie Psychologie zum Einsturz bringen.“ (dt. Ausgabe, S. 137). Im selben Kapitel, einige Absätze später, werden dann ähnlich auch die „Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins“ gewürdigt, die, herausgegeben von Martin Heidegger, zum ersten Mal im Jahr 1928 erschienen sind und Sartre in der vorliegenden Erstausgabe auch zur Verfügung standen.

Beide Arbeiten Sartres nehmen ihren Ausgang bei der Philosophie der deutschen phänomenologischen Schule, deren Begründer Husserl (1859-1938) ist. Sartres Existenzphilosophie, die einige Jahre später in seinem Hauptwerk „L’être et le néant. Essai d’ontologie phénomenologique.“ (Paris, 1943; dt. unter dem Titel „Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie“, Hamburg 1952) zu voller Geltung kommen wird, geht ihren philosophischen Weg von Husserl aus, aber ohne ihn deswegen auch zu Ende zu verfolgen, oder wie Theodor W. Adorno, der etwa zur selben Zeit wie Sartre, in den ersten Jahren des englischen Exils (1934-1937), sich intensiv mit Husserl beschäftigt hatte, für sich in diesem Zusammenhang angemerkt hat: „Husserls Philosophie ist Anlaß, nicht Ziel“ (Adorno in der Vorrede zu „Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen Antinomien.“) Oder nochmals in Sartres Worten: „Allerdings ... sind wir nicht in allen Punkten mit ihm einig. Auch verlangen seine Bemerkungen Vertiefung und Ergänzung. Aber die Hinweise, die er gibt, sind von unschätzbarer Bedeutung.“ (Über die Einbildungskraft, S. 139)

Es ist hier nicht der Platz, Sartres Existenzphilosophie, ein Ergebnis auch des französisch-deutschen Dialogs und französisch-deutscher Vermittlungsarbeit, die selbst wieder auf das Deutschland der Nachkriegsjahre nachhaltig zurückgewirkt hat, ausführlich zu würdigen. Wir belassen es bei einem Zitat von François Châtelet, das zusammenfassend den Einfluß und die außerordentliche Fruchtbarkeit Sartres beschreibt: „Zunächst bewegt sich das Werk Jean Paul Sartres noch in dem theoretischen Rahmen, der durch die Phänomenologie Husserls abgesteckt wurde: ein strenges Wissen aufzubauen durch die Methode der minuziösen Beschreibung des erkennenden, wissenden, denkenden, fühlenden Subjekts, insofern dieses im Zentrum jeglicher Fragestellung und jeglicher Antwort steht. Doch Sartres Einordnung in ein festes Lehrgebäude findet bereits unter dem Zeichen der Rebellion statt. Wenn er als Philosoph die Notwendigkeit einer neuen Theorie des Subjekts - ge­gen die verschiedenen Reduktionen' - erkennt, so versteht er das Subjekt wesentlich als ,Liberté en Situation', als Existenz.

Das ist der eigentliche Sinn seines Aufsatzes über „La Trancendance de l’Ego“ und von „Esquisse d’une theorie des emotions“ (1939) sowie von „L‘Imaginaire“ (1940): die Ablehnung aller psychologischen und soziologischen Erklärungen bzw., ganz allgemein, aller Konzeptionen, die auf irgendeinen Determinismus hinauslaufen. Diese Ablehnung gründet nicht etwa auf dem Begriff des reinen Subjekts, sondern auf einer Existenz, deren Eigenart es ist, das Nichts ,im‘ Sein anzudeuten. 1943 erscheint „L’être et le néant“, das philosophische Manifest dieser Ontologie der Freiheit.“ (François Châtelet”, 1937-1957: Ideen gegen Doktrinen“, in: Katalog „Paris-Paris. 1937-1957“, dt. Ausgabe, München 1981, S.23). Neu an der Phänomenologie Husserls ist der Anspruch, in allem anschaulich-beschreibend zu verfahren, neu auch die Einsicht, wie sehr der leibliche Organismus, in dem und als der wir leben, an der Begründung und Erfahrung unserer Wirklichkeit beteiligt ist. An diese neue Philosophie haben, jeder auf seine Weise kritisch tin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty und viele andere angeknüpft - bis hin zu Michel Fou' cault und Jacques Derrida; die letzteren nicht, ohne den Weg über Sartre zu gehen.
Zurück zu der vorliegenden „Handschrift“ (eine Handschrift wird man diese annotierten Exemplare angesichts der Fülle der Eintragungen und im Hinblick auf den Stellenwert der Lektüre der beiden Bände in Sartres philosophischem Schaffen ohne übermäßige Übertreibung nennen können): Wie man aus den Memoiren Simone de Beauvoirs erfährt, erfolgte die erste Berührung Sartres mit Heidegger in den dreißiger Jahren über einen japanischen Schüler des Freiburger Philosophen, der Sartre dessen Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) schenkt hatte; offenbar, so legt die Widmung im „Ideen“-Band hier nahe, war Sartre auch im Fall Husserl über ein Geschenk in näheren Kontakt zu der dann so wirksam sich gestaltenden Philosophie Husserls gelangt: Auf dem Vorsatzblatt liest man die handschriftliche Eintragung: „En Souvenir de vos bonnes leçons, / votre élève reconnaissant / Maxim Chentany (Name nur schwer zu entziffern) / le 28 aout 1933.“ Leider haben wir über diesen Schüler Sartres keine Auskunft, so daß der biographische Hintergrund vorerst unaufgeklärt bleiben muß.

Die Widmung jedenfalls datiert vom Spätsommer 1933, zur Zeit also, als das Berliner Studienjahr Sartres eben lief. Und für die dann folgenden Monate wird Sartre sich in die Lektüre dieser und der zweiten - und wie ein Literaturhinweis Sartres bezeugt, auch einer dritten Schrift, der „Meditations Cartesiennes“ (Paris 1931 nach Vorlesungen Husserls an der Sorbonne 1929) bezeugt, vertieft haben. Darüber hinaus hat er eine Arbeit des Husserl-Assistenten Eugen Fink herangezogen, wie wiederum Literaturangaben bzw. Zitate dokumentieren (E. Fink, Die phänomenologische Philosophie Edmund Husserls in der gegenwärtigen Kritik. Kantstudien 38 (1933), S. 319-383); schließlich noch eine Arbeit des Philosophen A. Gurwitsch (Gurvitch), wie eine Notiz (Ideen, S. 207) ausweist. Nach dem Zeugnis von Simone de Beauvoir („In den besten Jahren“) hatte Sartre sich zu dem Berlin-Aufenthalt eigens deswegen entschlossen, um Husserl zu studieren; wie sie berichtet (dt. Ausgabe der Memoiren S. 118f.) hatte Raymond Aron, Soziologe und Freund Sartres, diesen als erster auf Husserl aufmerksam gemacht; Aron, Vorgänger Sartres als Stipendiat in Berlin, hat ihm nahegelegt, selbst auch diesen Studienweg zu wählen.
Die Mehrzahl der Randnotizen Sartres sind in violetter Tinte niedergeschrieben, einige auch in schwarzer Tinte, bisweilen hat Sartre mit Bleistift markiert. Immer hat er sich einer fein säuberlichen Handschrift befleißigt, die es uns erlaubt, die Marginalien zu entziffern. Die äußeren Formen dieser Lektüre mit dem Füllhalter reichen von einfachen Randanstreichungen über ein- oder mehrzeilige Unterstreichungen hin zu Verweisen innerhalb des Textes selbst, zu Verweisen auf die Parallellektüre (etwa Fink, Gurvitch, die Husserl-Schrift „Meditations Cartesiennes“ - diese zit. als „M. C.“ - u. a.), zu knappen Wortübersetzungen oder Wiederholungen im Rand, zu kürzeren oder längeren Zitaten, die hinzugefügt werden (etwa aus Fink), bis hin zu längeren erläuternden Passagen in deutscher und französischer Sprache; diese letzteren Notizen gehen über mehrere Randzeilen und stellen jeweils Kommentare vor: Verständnisschwierigkeiten, fragende Anmerkungen, Erläuterungen und Stellungnahmen. Auf derart vielfältige Weise wird der Text für den eigenen Gebrauch eingerichtet und die Lek­türe vertieft, ganz nach der eingangs zitierten Forderung einer Lektüre „Satz für Satz“. Verweise und längere wie kürzere Marginalien (Randanstreichungen und Unterstreichungen nicht gerechnet) finden sich an insgesamt 68 Stellen der beiden Bände. Noch nicht erwähnt wurde bislang die Übertragung der im Druckfehlerverzeichnis der „Vorlesungen“ angemerkten Satzfehler in den laufenden Text, so daß der Leser Sartre eine gereinigte Fassung vor Augen hatte - dies nur, um auch die Penibilität und Sorgfalt der Lektüre anzumerken.

Eine Auswertung der in diesen Bänden dokumentierten Husserl-Lektüre kann hier nicht erfolgen. Verwiesen sei als Beispiel nur auf den Status der Lektüre als Vorbereitung der Niederschrift etwa des Aufsatzes „Über die Einbildungskraft“: wenn sich im Band der „Vorlesungen“ auf den Seiten 390 und 472 zahlreiche Marginalien zum Begriff der „Retention“ finden, so ist man nicht überrascht, diesen Begriff auch in dem Essay diskutiert zu finden (dort S. 144f). Insofern stellt die Lektüre gleichsam das erste Manuskript, ein „Brouillon“ oder die Ideenskizze zum später ausformulierten Essay dar. Die Erinnerungen Simone de Beauvoirs datieren sogar die Niederschrift des Aufsatzes „La Transcendance de l’Ego“ ins Jahr 1934 selbst (ebd., S. 157f.), d.h. der Essay entsteht demnach parallel zur Berliner Husserl-Lektüre.

Mit Hilfe der Randbemerkungen sieht der heutige Leser dem Autor während der Arbeit über die Schulter: wo dieser Halt gemacht hat, hält auch er inne, und da der Leser dies rückblickend und in Kenntnis der publizierten Essays tut, weiß er immer schon mehr als der Autor selbst. Zur Frage der Erhaltung, die sich im Antiquariat so oft dringend stellt, ist hier nur soviel zu sagen, daß Sartre den „Ideen“-Band stärker durchgearbeitet und daher auch intensiver benutzt hat, wie die Gebrauchsspuren - hier nun kein bloß äußeres Merkmal - bezeugen. „Sartre“, heißt es bei Hans Heinz Holz, einem der zahlreichen deutschen Philosophen, die sich grundlegend mit Sartre und auch mit dessen Wurzeln in der Phänomenologie befaßt haben, „Sartre gründet in der Phänomenologie und geht aus von der phänomenologischen Methode.“ Die vorliegenden Bände zeugen davon in einer auch ganz materiellen Hinsicht und Gestalt: als Bücher mit Marginalien" (zit. Kat. Doerling 117/3215 - 1986).

Estimate
€ 30.000   (US$ 36.900)


After-Sales Price
€ 25.000   (US$ 30.750)



» Autographs
Brenz, Johann
Brief 1566 mit Jakob Andreä

Lot 2191

Der schwäbische Reformator
Brenz, Johannes, lutherischer Theologe, der große Reformator Württembergs, Mitarbeiter Melanchthons, verfaßte für das Konzil zu Trient die "Confessio Wirtembergica", Propst der Stuttgarter Stiftskirche und Rat des Herzogs Christian von Württemberg auf Lebenszeit (1499-1570). Eigh. Brief m. U. "Johan Brenz propst zu Studgard". Mitunterzeichnet von "Jacobus Andreae D. propst zu Tübing." 51/2 S. Folio. Hirsau 18.X.1566.

An einen Grafen Ludwig, der ein Gutachten gewünscht hatte, ob er die Witwe seines Bruders heiraten dürfe. Die beiden Gelehrten (Brenz und Jakob Andreä, 1528-1590, Reformator des Herzogtums Braunschweig) gehen sehr ausführlich auf das Problem ein, kommen aber zu einem negativen Bescheid. Sie zitieren aus dem Alten Testament und räumen ein, daß in dem Gesetz Moses die Ehe mit der Witwe eines verstorbenen Bruders nicht "wider die Natur streitet" und dort nicht ausdrücklich verboten sei, wohl aber in den weltlichen Gesetzen des Reiches: "... Dann, wie woll, ein solcher Contract, in dem semitischen gesetz Mosi, nicht allein nicht verbotten, sondern auch, da der abgestorbene bruder sein leibs erbe verlassen, gebotten, auch nicht starks wider die Natur streitet, yedoch, So ist mit allem ernst zubewägen, das der bemellte Contract in den gemeinen keyserlichen Rechten außdrücklich, mit angehengter ernstlicher beschwerlicher straff verpotten ... Und sollichs wurde also streng verpotten, das der Contract nicht gebillicht, ob schon des bruders weib noch ein Jungfraw ist. Es wurde auch ein solcher Contract genannt ... ein bosshafftige beywonung, ein schentliche vereinigung, und ein mutwillige blutschande. Das sein warlich Titel von Zunamen, darob sich billich ein schamhafftig christlich hertz entsagen soll ...". Es könne auch geschehen, daß die Kinder "nicht für erlich gehallten, die güter confiscirt, und der Obrikeit heimgefallen, und andre straffe mehr ...". Ein solcher Fall werde zwar bei den Aposteln nicht behandelt und verurteilt, "yedoch, so soll hierin mit grossem fleiß und ernst bedacht werden, das der heilig Apostel Paulus schreibt, die Obrikeit sey von Gott verordnet, welches ... fürnemlich von der Obrikeit satzung und ordentlichen Constitution verstanden werden soll. Man soll gehorsam sein nicht allein von wegen des Zorns oder Straffe sondern auch von wegen des gewissens ...". Sie schlagen schließlich vor, der Graf möge sich beim Kaiser um Dispens bemühen, können aber ansonsten das Vorhaben aus ihrer christlichen Sicht nicht gutheißen. Der Graf möge bedenken, in welche Gefahr er selbst und sein ganzes Geschlecht geraten könne, und er möge sein Handeln so einrichten, daß ihm an Leib und Seele kein Schaden entstehen könne. - Faltenrisse, einer auch mit Berührung der Unterschrift. - Als eigenhändiger, umfangreicher Brief des großen Reformators, zudem gemeinsam mit einem gleichfalls bedeutenden Mitstreiter verfaßt, stellt das Gutachten ein besonders wertvolles Dokument zu den ethischen Anschauungen des Reformationszeitalters dar - zudem von größter Seltenheit.

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Chirico, Giorgio de
6 eigenh. Briefe m. U. und 4 eigenh. Postkarten...

Lot 2286

„Zarathustra ist gekommen, haben Sie mich verstanden?? “
Chirico, Giorgio de, italienischer Maler, entwickelte die „Pittura metafisica" (1888-1978). 6 eigenh. Briefe m. U. und 4 eigenh. Postkarten m. U. 5 Dop­pelblätter. 4°-8° und 1 Einzelblatt 4°, davon 15 S. beschrieben und die Karten. Teilweise auf vorrastriertem Papier. Mit 4 zugehörigen (lädierten) Umschlägen. Mailand und Florenz o. D. und 8.VII.1909 bis 27.1.1911.

Ausserordentliche, sowohl für die künstlerische Entwicklung als auch biographisch gewichtige Brieffolge aus den formativen Jahren de Chiricos. Er war nach dem überraschenden Tode seines Vaters im Herbst 1906 mit seiner Mutter Gemma und seinem jüngeren Bruder Alberto (1891-1952) nach München gezogen, wo er an der Münchner Akademie sein Studium, das er in Athen begonnen hatte, fortsetzte; gleichzeitig nahm sein Bruder Alberto (der ab 1914 das Pseudonym "Savinio" verwendete) Kontrapunktunterricht bei Max Reger. Mutter und Bruder kehren 1907 nach Italien zurück, während Chirico vorerst weiter in München studierte.

Nach einem relativ kurzen Mailänder Intermezzo zieht die Familie Anfang 1910 nach Florenz. Durch die in München begonnene und in Florenz weitergeführte Lektüre Nietzsches, vor allem durch dessen evokative Beschreibungen der Turiner Stadtlandschaft, wurde Chirico, der sich in München speziell zu den grossen symbolistischen Kompositionen Arnold Böcklins und der Kunst Max Klingers hingezogen fühlte, zu seinen ersten „metaphysischen", leeren Stadtbildern angeregt, die ab 1912 in Paris entstanden, wohin Chirico und die Mutter Alber­to nachziehen, der bereits 1911, nach dem Misserfolg seines ersten öffentlichen Konzerts in München, dorthin gezogen war.

Die Briefe sind alle an den Maler Fritz Gartz (1883-1960) gerichtet, der seit 1906 in München studierte und den de Chirico zu Beginn seines Münchner Aufenthaltes kennengelernt hatte und an den er sich anschloss. In der Folge besuchte Gartz Chirico mehrfach in Italien.

In seinen in sorgfältigem, aber vielfach fehlerhaftem Deutsch geschriebenen Briefen bittet Chirico seinen Freund um Hilfe im Hinblick auf seinen Wunsch, 1910 an der Münchner Secessionsausstellung teilzunehmen. Chirico lässt durchblicken, dass seine Gesundheit nicht die beste sei (Chirico litt an Magenproblemen und auch unter Depressionen).
Im Brief vom 26.1.1910 aus Florenz gibt Chirico Gartz eindringlich Einblick in seine aktuelle geistige und künstlerische Entwicklung: „...Jetzt werde ich ein wenig von mir sprechen und bitte Sie geduldig zu sein.

Das was ich hier in Italien geschaffen habe ist nicht groß oder tief (in dem alten Sinn des Wortes) aber furchtbar. In diesem Sommer habe ich Gemälde gemalt die die tiefsten sind die überhaupt existieren. Ich muss Ihnen die Sache ein wenig erklären weil sicher seitdem Sie leben hat Ihnen jemand nie so etwas gesagt.

Wissen Sie erstens, zum Beispiel, wie heißt der tiefste Maler der in dieser Welt gemalt hat? Wahrscheinlich haben Sie keine bestimmte Opinion darüber. Ich werde es Ihnen sagen; er heißt Arnhold Böcklin, er ist der einzige Mann der tiefe Gemälde gemalt hat.

Wissen Sie jetzt wie der tiefste Dichter heißt? Wahrscheinlich werden Sie mir sofort von Dante von Goethe und von anderen Leuten sprechen - es sind alle Mißverständnisse - der tiefste Dichter heiß Friedrich Nietsche. -Als ich Ihnen von meinen Gemälden sagte daß die tief sind haben Sie sicher an riesige Kompositionen gedacht mit vielen nackten Leuten die etwas überwinden wollen, so wie sie der dümmste Künstler gemalt hat: Michelangelo. -Nein, lieber Freund, es sind ganz andere Sachen - die Tiefe so wie ich verstanden habe und so wie sie Nietsche verstanden hat steht anders als da wo sie man bis jetzt gesucht hat.
Meine Gemälde sind klein (die größten 50-70 cm) aber jedes ist ein Rätsel, jedes enthält eine Poesie, eine Stimmung eine Versprechung die Sie in anderen Gemälden nicht finden könnten.
Es ist eine furchtbare Freude für mich sie gemalt zu haben - als ich sie austeilen werde wird es eine Enthüllung für die ganze Welt sein das wird wahrscheinlich in München in diesem Frühling geschehen.

Ich studiere auch viel, besonders Litteratur und Philosophie und beabsichtige später Bücher zu schreiben. (Ich will Ihnen jetzt etwas ins Ohr sagen: ich bin der einzige Mann der Nietsche verstanden hat - alle meine Werke beweisen das). -Ich hätte Ihnen noch viele andere Sachen zu sagen, zum Beispiel das mein Bruder und ich jetzt die tiefste Musik komponiert haben. Aber ich will aufhören ich habe schon zu vieles gesagt. Sie werden bald sehen hören und überzeugt sein ...".

Die meisten Briefe handeln jedoch von dem Projekt, das 1908/09 entstandene „Poema fantastico", an dem offenbar beide Brüder - die sich gerne „Dioskuren" nannten - komponiert hatten, auszugsweise in München zur Aufführung zu bringen. Die für den 9. Januar 1911 in Florenz geplante Uraufführung sagte Alberto im Dezember ab, weil das Orchester nicht kooperierte.

Chirico bittet Gartz um Hilfe bei der Miete des Orchesters und der Tonhalle an der Türkenstrasse in München, mit welchem und in welcher 1907 Mascagni Teile aus seiner „Cavalleria rusticana" mit triumphalen Erfolg zur Aufführung gebracht hatte und an welcher die Brüder Chirico teilgenommen hatten, was Anlass zu ihrem eigenen Konzertprojekt bot. Das „Poema fantastico" beschreibt Chirico in seinen „Memorie" als „etwas wie Webers Oberon, jedoch auf der Vorgeschichte u n d der griechischen Mythologie basierend, stark gewürzt mit burlesken Elementen im Stil von Pulci und Rabelais" (vgl. „The Memoirs of Giorgio de Chirico“, 1994, S. 60). Der Musik seines Bruders misst de Chirico dieselbe „Tiefe" zu wie seinen damals entstandenen Bildern.

Im undatierten Brief von Anfang Januar 1911 geht Chirico auf das geplante Konzert und dessen Bedeutung ein: „Denken Sie Mahl, mein Bruder hat auf dem Programm 'die tiefste Musik' schreiben lassen - und niemand hat es bemerkt, niemand hat verstanden was für einen Muth und eine sonderbare Versprechung diese Worte enthalten - Hoffentlich werden die Münchner nicht so ruhig und dumm sein - Mein Bruder hat auch einen Vortrag über seine Musik geschrieben ich übersetzte ihn jetzt auf Deutsch mit der Hilfe eines deutschen Professor denn ich in Vallombrosa kennen gelernt habe (er ist ein sehr dummer Kerl), diesen Vortrag wird mein Bruder in München vor der Ausführung des Konzertes lesen lassen. -Sie haben nicht gut meine Worte verstanden als ich sagte für Michelangelo daß er ein dummer Künstler ist.

Es ist es für mich weil ich jetzt eine neue Welt kenne und alles sieht jetzt für mich zu roh und zu stumm aus. Weil ich an einer anderen Quelle getrunken habe und ein neuer und sonderbarer Durst brennt meine Lippen - wie kann ich noch an solchen Künstlern glauben?! Ich weiss was Sie denken als Sie mir fragen: ist der David nicht ein Übermensch? Es war meine frühere Stimmung, ich habe auch früher daran gedacht; die meisten grossen Geister dieser Welt haben daran gedacht - der junge Held, der alles überwunden hat, der freie Geist ohne Dogma - selbst verständlich daß ist viel besser als die ganzen Dummheit des modernen und vergangenen Lebens - aber eine neue Luft hat jetzt meine Seele überschwommen - einen neuen Gesang hab’ ich gehört - und die ganze Welt sieht jetzt für mich ganz verendert aus - der Herbstnachmittag ist angekommen - die langen Schatten die klare Luft, der heitere Himmel - in einem Wort Zarathustra ist gekommen, haben Sie mich verstanden??

Haben Sie verstanden was für Rätsel dieses Wort enthält - der große Sänger ist angekommen der vor der ewigen Wiederkehr spricht, dessen Gesang den Laut der Ewigkeit hat - mit neuen Linsen untersuche ich jetzt die andern größten Menschen und viele sehen furchtbar klein und roh aus, manche riechen auch schlecht - Michelangelo ist zu roh -Ich habe lange Zeit an diesen Problemen gedacht und kann jetzt nicht mehr betrügen. -Nur mit Nietsche kann man sagen daß ein wirkliches Leben angefangen hat. - ..."

Das beiliegende Konzertprogramm ist dasjenige, das für die geplatzte Florentiner Aufführung gedruckt wurde. Mit Tinte notiert Chirico auf der leeren dritten Seite einen Entwurf für eine deutsche Übersetzung zu Händen von Gartz, der diese verbessern soll.

Die Aufführung fand am 23.1.1911 in München tatsächlich statt, erzielte aber nicht den von den Brüdern erhofften gleichen Erfolg wie das Konzert Mascagnis; es kamen nur sehr wenige Zuhörer, die Atmosphäre im 1700 Stühle fassenden Saal muss gespenstisch gewesen sein, angeblich hätte es mehr Musiker als Zuhörer gehabt. Von der deutschen Kritik wurde das Konzert, das 30 kurze Nummern zur Aufführung brachte, sehr wohl bemerkt; Roger Louis schrieb in den "Münchner Neuesten Nachrichten", " ...in Bezug auf Erfindung, Satztechnik, Formgebung ist diese Musik so unmöglich, wie ich kaum jemals etwas öffentlich gehört habe. Man stelle sich vor: lauter kleine Sätzchen von vielleicht 50 bis 100 Takten, die alle aufhören, ohne zu schliessen, ohne melodische oder thematische Entwicklung, ohne Folge und Zusammenhang, etwas Unglaubliches, schwer zu Beschreibendes und noch schwerer zu Erlebendes. Auch Klavierstücke gab es, gleichfalls mit pro­grammatischen Titelüberschriften, vom Komponisten selbst (und wie!) gespielt. Ungeschickt, aber nicht ohne Eindringlichkeit und mit viel Temperament leitete der Komponist das Orchester, das sich in jeder Beziehung musterhaft verhielt...". Laut dem Programm stammten sechs Stücke von Giorgio de Chirico.

Chirico war aus Gesundheitsrücksichten dem Münchner Konzert ferngeblieben. Alberto zog unmittelbar von München weiter nach Paris, wo er rasch in Kontakt mit den Exponenten der künstlerischen Avantgarde kam: Picasso, Apollinaire, Cendrars, Cocteau usw. – Beilagen: Konzertprogramm mit darauf notierter eigenh. Übersetzung de Chiricos ins Deutsche, 2 Portraitphotographien (eine auf der Rückseite monogrammiert und da­tiert "GC.1907", die zweite am Fuß mit eigenh. Widmung, Datum und Signatur "Herrn und Frau F. Gartz Milano M.CM.X. G. de Chirico"; 1 eigenh. Brief m. U. von de Chiricos Mutter Gemma geb. Cervetto, Abbano Terme 7.VII.1908,1 Doppelblatt 8°, die ersten beiden Seiten beschrieben.

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€ 45.000   (US$ 55.350)


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€ 40.000   (US$ 49.200)



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Man Ray
Konvolut von 49 Autographen: 14 eigenh. Briefe ...

Lot 2306

"Pursuing parallel careers as photographer and modern painter"

Man Ray, amerikanischer experimenteller Photograph und Künstler, nahm am Kubismus, Da­daismus und Surrealismus teil (1890-1976). Konvolut von 49 Autographen: 14 eigenh. Briefe m. U., 2 Billets m. U. und 31 Briefe m. U. Zus. ca. 49 S. verschiedener For­mate (8° bis Folio). Ein Brief auf der Rückseite eines Ausstellungsplakates einer New Yorker Ausstellung von 1963. Einige Briefe mit Anmerkungen der Empfänger in Bleistift und Kugelschreiber. Dazu: 1 Brief m. U. an Man Ray mit dessen eigenhändiger Antwort am Fuß sowie 1 Brief m. U. an Carl Van Vechten mit dessen eigenhändiger Antwort am Fuß. Paris, New York und Veytaux-Chillon 19.X.1959 bis 30.VII.1964.

Alle Briefe an Mitarbeiter des Verlags Little, Brown & Co. in Boston, im Zusammenhang mit der Publikation von Man Rays Autobiographie „Self Portrait", die 1963 dort erschien; 35 Briefe sind an Seymour Lawrence gerichtet, der die Herausgabe des Buches stark gefördert hatte, weitere 9 Briefe sind an eine Mrs. Yntema gerichtet. Das Projekt entwickelte sich aus einer Anfrage nach einer Erinnerung an Man Rays frühe Pariser Tage. Die Briefe begleiten die Entstehung des Werks und behandeln alle Aspekte der Produktion.

19.X.1959: „ ...The fact is, some years ago I was approached with the Suggestion to write my memoirs, but the task seemed so formidable that I renounced doing it on a speculative basis. I had, however, prepared an outline which would have run into more material than could fill one volume; and also wrote one chapter to test my style! This was an account of my introduction to the famous dressmaker Paul Poiret, and my first efforts as a professional photographer. I do mention some people I met incidentally, but not in Literary or artistic fields. Pursuing parallel careers as photographer and modern painter, 1 did meet almost everyone of note today, photographing a good m any...".

11.IV.1961: "I start at the beginning and plan to divide the book into three parts: ... Part I - The Painter, Part II - The Photographer, Part III - The Painter. In the actual relating, these activities overlap each other; they run a parallel course as imposed in the mix-up of human relations...". Die Einteilung wurde mehrfach geändert, schließlich wies das Buch sieben Kapitel auf.

10.XI.1961: "Since my return from Spain last August, where I was able to finish the chapter on Painters & Sculptors (52 pages), I have added and am working on other chapters: on American & English writers, Dada Films & Surrealism? The depressing Thirties (including escape from Paris in 1940) and have rewritten the chapter on Paul Poiret or the Portrait that was never made ... I am very pleased with your definite proposition and accept it, but would like to have a few points cleared up: Copyright (I suppose we share it), movie, television, serial and translation percentages. Are you planning to run a chapter in Atlantic Monthly before publication of the Book? The $1500 is an encouragement, but I am counting on a big flop or a big success...” - Tatsächlich ließen sich von den 2000 gedruckten Exemplaren der ersten Ausgabe nur etwa 1000 verkaufen, dann wurde sie verramscht. Gleichzeitig erschien eine Ausgabe in England, 1964 eine französische Ausgabe.

19.11.1962, über die geplante Illustration des Schutzumschlags: „The portrait has been widely used in catalogues, posters and magazines in the U.S. and in Europe. It has become a sort of trademark. If you use it for the jacket I would suggest that it be printed in black on gold paper, 'bled' on three sides, leaving a margin at the top or bottom ... I am not in favour of type or lettering printed on an illustration ...
Einige Briefe vornehmlich mit Adressangaben von Personen, die "advance copies" erhalten sollen. - Der Brief an den Photographen Carl van Vechten bittet um die Erlaubnis zum Abdruck einer seiner Photographien, die dieser gerne erteilt.

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€ 24.000   (US$ 29.520)


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€ 20.000   (US$ 24.600)



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Nolde, Emil
2 Briefe des "Kampfbundes" an Nolde

Lot 2313

Emil Nolde "einstimmig abgelehnt"
Nolde, Emil, Maler und Graphiker (1867-1956). - "Kampfbund für Deutsche Kultur, Fachgruppe Bildende Kunst". 2 masch. Briefe, betr. Emil Nolde, unterzeichnet "Süssmann". Zus. 21/2 S. Gr. 4to. Berlin 18. und 20.V.1933.

Emil Nolde hatte sich bald nach der NS-Machtergreifung, als er seine Existenz akut gefährdet sah, wie viele andere Künstler an die "Fachgruppe Bildende Kunst" des "Kampfbundes für Deutsche Kultur" gewandt und um Aufnahme in den "Kampfbund" ersucht. Am 18. Mai erhielt er - hier in einem von Süssmann signierten Durchschlag vorliegend - folgende Antwort, in der es u. a. heißt, "... dass Ihr Aufnahmegesuch in den 'Kampfbund für Deutsche Kultur' einstimmig abgelehnt wurde. Die Ablehnung musste erfolgen, weil wir in Ihnen einen bezeichnenden Vertreter jener Kunst und Weltanschauung sehen, die wir von jeher bekämpft haben und weiter bekämpfen werden. Wir stehen nicht an, zu bekennen, dass die geistige Welt, in der Sie wurzeln, die eigentliche Veranlassung zur Gründung des 'Kampfbundes für Deutsche Kultur' war." - Diesen Durchschlag sandte Süssmann zwei Tage später an die Leitung des "Kampfbundes" und erklärte dazu in einem längeren Schreiben: "Nach mehreren Wochen genauester Prüfung des Aufnahmegesuches des Malers Hans Emil Nolde kamen am 17. Mai d. J. sowohl der Aufnahmeausschuss wie auch der Obmännerausschuss der Fachgruppe 'Bildende Kunst' einstimmig zu der Entscheidung der Ablehnung des Aufnahmegesuches von Herrn Nolde ... Es war beabsichtigt, Herrn Nolde bei einer Ablehnung seines Gesuches nahezulegen, ein solches Gesuch an den Kampfbund in etwa 1 Jahr erneut einzureichen. Wir haben jedoch auf diese ergänzende Mitteilung verzichtet, weil wir Herrn Nolde nicht nahelegen können und von ihm nicht erwarten dürfen, dass er seine Kunstauffassung ändern würde. Unsere Entscheidung wurde getroffen an Hand des Werkes von Max Sauerlandt über Emil Nolde ... Wir legen dieses Heft hier bei mit der Anheimgabe es eingehend zur Kenntnis nehmen zu wollen und massgebenden Persönlichkeiten weiterzuleiten, die sich für Nolde glauben einsetzen zu müssen ohne ihn genügend zu kennen ... Wir bitten, unsere Entscheidung ... an Herrn Staatskommissar Hinkel, Herrn Kultusminister Rust und gegebenenfalls auch Herrn Minister Dr. Goebbels und dem Propagandaministerium zuleiten zu wollen ...". - Bei allem erkennbaren ideologischen Fanatismus ist aus den Schreiben erkennbar, dass den Mitgliedern der "Ausschüsse" nicht ganz wohl war bei der Ablehnung des nicht jüdischen, bereits sehr renommierten Malers, denn sie hätten sonst wohl kurzen Prozess gemacht und nicht auf die "mehreren Wochen genauester Prüfung" besonders hingewiesen. - Bedeutsame und beschämende Dokumente zur Schicksalswende in der Laufbahn des großen Malers. - Kleine Randläsuren im dünnen Papier.

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€ 9.000   (US$ 11.070)


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€ 22.000 (US$ 27.060)



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Bruckner, Anton
Brief 1860 an Rudolf Weinwurm

Lot 2339

Bruckner, Anton, österr. Komponist (1824-1896). Eigh. Brief m. U. "Anton Bruckner". 4 S. Gr. 8vo. Linz 9.XII.1860.

Dringlicher Brief des 26jährigen an seinen Freund, den Komponisten und Chordirigenten Rudolf Weinwurm (1835-1911), dem er ausführlich seine finanzielle Lage schildert. "... vor einem Monate habe ich Kaan aufrichtig meine unerwarteten großen Auslagen geschrieben, die sich auf 150 fl. belaufen, und ihn gebeten, er möchte mir doch die ihm geliehenen 45 fl. zu diesem Behufe senden zumal, da er mir mit Hand und Mund versprach, selbe 4 Tage nach seiner Abreise von Linz zu senden, u. einem späteren Schreiben zufolge nur um eine Frist von 8 oder höchstens 14 Tagen ersuchte ... bin in einer Lage, die ich mir nie mehr wünsche ... Du hast keinem Begriff, lieber Rudolf, wie derlei Leute sind. Hätte ich Geld, längst hätte seine Wohnung bezalt, um nur los zu werden. Geld aufnehmen kann ich jetzt nicht; denn was würde man mir sagen wenn ich nach Wien reise, wo ich's dann thun muß. Sei so gut, edler Freund und hilf mir aus der fatalen Lage, sage Kaan ich lasse ihn grüßen u. dringendst ersuchen, gleich das Geld zu schicken. Ich soll zalen u. erwartete jeden Tag schon das Geld. Sei nicht böse, ich vertraue auf Deine Güte ...". - Der erwähnte Kaan schuldete nicht nur Bruckner Geld, sondern auch seinem Vermieter Scharringer, der im Brief gleichfalls erwähnt wird. - Seit 1855 war Bruckner in Linz als Domorganist angestellt, und im November 1860 erhielt er auch die Stelle als 1. Chormeister des Sängerbundes "Frohsinn". - So frühe Briefe des großen Sinfonikers sind im Handel sehr selten. - "Gleich Wagners Opern stehen B.s Sinfonien wie ein riesiger Koloß in der Musik des 19. Jahrhunderts" (Seeger, Musiklexikon).

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Casals, Pablo
44 Autographen: 28 eigenh. Briefe m. U., 7 Brie...

Lot 2340

Casals, Pablo, (Pau), katalanischer Cellist, Komponist und Dirigent (1876-1973). 44 Autographen: 28 eigenh. Briefe m. U., 7 Briefe m. U. , 4 Karten m. U. sowie 5 Visitenkarten mit einigen eigenhändigen Zeilen, vielfach mit den dazugehörigen Umschlägen. Zusammen 63 S. verschiedener Formate (12° bis 4°). Paris, Amsterdam, Wien, Zürich, Barcelona, Prades etc. 19.XI.1902 bis 14.XI.1955.

Alle Briefe an seinen Freund, den aus Livland stammenden Pianisten Conrad Adelbert Egon Baron von Vietinghoff (1870-1957), und in französischer Sprache. Die Briefe umfassen eine Zeitspanne von über 50 Jahren, vom Zeitpunkt der ersten Begegnung in Paris bis kurz vor Vietinghoffs Tod. Es ist fraglich, ob die vor­liegende Folge sämtliche Briefe Casals enthält; auffällig ist, dass speziell aus den Anfangsjahren der Freund­schaft 1902-1905 die meisten Briefe vorliegen (12); aus den Jahren 1912/1913 liegen nur zwei Briefe vor; sieben Briefe stammen aus den Jahren 1927-1929, aus den Jahren des 2. Weltkriegs liegen zwei Schreiben vor, die restlichen Schreiben datieren zwischen 1945 und 1957.

Vietinghoff hatte an den verschiedensten Orten gelebt und überall rasch Anschluß an die musikalischen Kreise gefunden; seine Frau Jeanne Bricou-Storm de Grave, die er 1902 geehelicht hatte, war mit Marguerite Yourcenar befreundet. Casals Briefe an Vietinghoff geben lebhaften Einblick in das Reiseleben des Virtuosen, der bereits früh welt­weit gefragt war und ausgedehnte Tourneen unternahm, daneben erlauben die Briefe aber auch Einblick in Casals Engagement für das katalanische Volk und seine Verzweiflung über die frankistische Diktatur in Spa­nien.

Aus der Korrespondenz ablesbar ist auch eine zu künstlerischer Passivität führende Depression und deren Überwindung, beglückend sind die von Altersweisheit und Gelassenheit getragenen letzten Briefe.
7.III.1912: "...malheureusement je ne reste à Frankfort que quelques heures (juste le temps de faire une répétition avec mon partenaire et pour le concert) je joue la veille de Frankfort à Leipzig et le lendemain à Ulm et deux jours après à Manchester - vous voyez cher ami que je suis obligé de faire vite, mais je retiens votre offre pour une prochaine fois. Peux-je me permettre d'adresser mes respectueux compliments à l'auteur de la liberté intérieure? Ce sont de belles mélodies apaisantes douces et fortes en même temps - merci / aujourd'hui mon dernier concert cette saison à Wien - c'est bien mon public préfère - et vous vous trouveriez parmi de gens si compréhensifs et d'une culture si fine! - J'embrasse vos chers petits - leur image me revient souvent?!..."

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Wagner, Richard
Brief 1843 an seine Schwester

Lot 2412

"meine Composition die Mendelssohn'sche völlig geschlagen"
Wagner, Richard, Komponist und Dirigent (1813-1883). Eigh. Brief m. U. "Euer Richard". 2 S., sehr eng beschrieben. Gr. 4to. Dresden 13.VII.1843.

Früher und außerordentlich umfangreicher Brief des Dresdener Hofkapellmeisters an seine Schwester Cäcilie Avenarius. Er habe diesmal sein Schreiben so lange hinausgeschoben, bis es ihm möglich sein würde, ihr "ausführlich u. nicht nur ein paar kurze Worte zu schreiben". Das macht Wagner dann auch wahr: In der Ausgabe "Sämtliche Briefe" nimmt dieser Brief 61/2 Druckseiten ein! Zunächst schildert Wagner seine überaus aufreibende Tätigkeit, aber auch seine Triumphe in den letzten Monaten: "... So viel Arbeit u. Beschäftigung ist in den letztvergangenen 2 Monaten über mich gekommen, daß ich meinen Urlaub jetzt als eine ärztliche Nothwendigkeit erhalten mußte, um mich von den körperlichen u. geistigen Anstrengungen zu erholen. Mitte des Mai ging Reissiger auf Urlaub, u. ich hatte nun den ganzen Dienst, Kirche u. Theater, fast allein zu verrichten, nebenbei aber bekam ich vom Könige die Bestellung, zur Enthüllung des Monumentes des König's Friedrich August einen Fest-Gesang zu komponiren; Mendelssohn erhielt den zweiten zur Composition: die ganze Aufführung im Zwinger wurde mir übergeben: ich stellte aus den hiesigen Gesangsvereinen einen Chor von 250 Sängern u. erwarb mir große Ehre, denn es herrschte nur eine Stimme darüber, daß meine Composition, die einfach u. erhebend war, die Mendelssohn'sche, die complicirt u. künstlich war, völlig geschlagen habe. Auch erhielt ich 'zum Andenken' vom König eine goldene Dose von circa 100 Thaler Werth. Kaum war ich damit fertig, so mußte ich aber an die Composition eines kleinen Oratorium's gehen, welches ich dem großen Männergesangs-Feste in Dresden zugesagt hatte: bei den stärksten Dienstüberschäftigungen [sic] hatte ich nun also in 14 Tagen eine große ernste Composition zu liefern, zu der ich mir noch selbst hatte den Text machen müssen: meine Nerven waren um diese Zeit so abgespannt, daß ich oft Viertel-Stunden lang dasaß u. weinte. Nun hatte ich aber meine anfänglich verschobene u. endlich fast zu spät fertig gewordene Composition noch einzustudiren, u. von den Folgen dieser Anstrengung können sich meine Glieder heute noch nicht erholen: außerdem hatte ich als Direktor der hiesigen Liedertafel noch nebenbei alle übrigen Proben zu leiten. Der Erfolg hat mich denn aber auch reichlich entschädigt: das Fest war im wahren Sinne des Wortes großartig, besonders die Aufführung in der Frauenkirche. Denke Dir einen Chor von 1200 Männern, alle vollkommen einstudirt, auf einem Orchester, welches fast das ganze Schiff der Kirche einnahm, dahinter ein Orchester von 100 Instrumenten, von welcher Wirkung dies sein mußte! ... Wo ich mich nachher nur blicken ließ unter der Masse von Sängern, die aus allen Theilen Sachsens herbeigeströmt waren, tönte mir vivat! u. Hurrah entgegen, u. der Jubel hatte kein Ende. - Ueberhaupt geht es jetzt rasch mit mir vorwärts: in Cassel u. in Riga wurde mein Holländer fast gleichzeitig u. mit dem glänzendsten Erfolge gegeben: besonders merkwürdig ist, wie Spohr für mich eingenommen worden ist. Jetzt bin ich eben noch darüber, den Rienzi so einzurichten, daß er gut an einem Abende gegeben werden kann, u. dann denke ich, wird wohl auch der an die Reihe kommen. An meiner neuen Oper [d. i. Tannhäuser] habe ich noch keine Zeile schreiben können ...".
Es folgen dann vielfältige familiäre Nachrichten, Anfragen, Wünsche und Empfehlungen: über Minna Wagners Kur in Teplitz, über Karl Eduard und Natalie Planer, Eduard und Max Avenarius, Heinrich Brockhaus und andere. Schließlich kommt auch Wagners lebenslanges wirtschaftliches "Leitmotiv" zur Sprache: die Geldnot. "... so muß ich doch einmal zu unsrer Einrichtung für kommenden Herbst Geld aufnehmen, da ich zu dem Entschluß gekommen bin, lieber ein oder zwei Jahre für ein Capital 4 Procent Zinsen zu bezahlen, als jetzt meine Opern an einen Musikhändler für einen Spottpreis zu verschleudern, während ich annehmen kann, daß - zumindest nach meinen neuesten Erfolgen - sie in dieser Zeit an den besten Theatern Glück gemacht haben werden u. mir die Musikhändler dann zahlen müssen, was ich fordere ...". - Prachtvoller, inhaltsreicher Brief, der Wagners Situation und Wirken in Dresden wie wenige beleuchtet. - WBV 344.

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€ 12.000   (US$ 14.760)


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Kandinsky, Wassily
Der Blaue Reiter

Lot 3287

Im Meistereinband von Max Schwerdtfeger
Kandinsky, Wassily, und Franz Marc. Der Blaue Reiter. 2 Bl., 140 S., 1 Bl. Mit 106 Abb. und 35 Tafeln (davon 4 farbig), 8 Vignetten und 3 Musikbeilagen. 29 x 21,2 cm. Schwarzes Kalbleder d. Z. (an Bünden und Gelenken minimal berieben) über 5 Zierbünden mit goldgeprägtem türkisfarbenem Lederrückenschild und reicher RVergoldung, Deckel mit breiten, vielfach vergoldeten Floralornamenten, Mitttelspiegel des VDeckels mit Darstellung von vier Pferden in farbiger Maroquin-Intarsierung, Steh- und Innenkantenvergoldung, nachtblauen Marmorpapiervorsätzen und Kopfgoldschnitt (signiert: "J. Niederhöfer, Frankfurt a. M.") in Halbleinenschuber mit Marmorpapierbezug (bestoßen, berieben). München, Piper, 1912.

Roethel 141. – Erste Ausgabe des ungemein wirkungsvollen Almanachs, eine der wichtigsten Programmschriften des Expressionismus und der Moderne. Es gilt zu zeigen, "daß die Formfrage in der Kunst eine sekundäre ist, daß die Kunstfrage vorzüglich eine Inhaltsfrage ist." Mit Textbeiträgen von den Herausgebern, Macke, Schönberg u. a. Illustrationen von Arp, Kandinsky und Marc. Musik von Alban Berg, Anton Schönberg und Anton von Webern, darüberhinaus Abbildungen von Werken der meisten bedeutenden Künstler der Moderne. – Die Seidenpapierhemdchen teils leicht knittrig, papierbedingt gleichmäßig blass gebräunt, kaum angestaubt (unwesentliches Risschen im Titel), ohne die vier Blätter Verlagsanzeigen am Schluss und ohne die OBroschur, aber hier in einem außergewöhnlich schönen, künstlerischen Meistereinband aus der Werkstatt des bedeutenden Frankfurter Buchbinders Johann Niederhöfer nach einem künstlerischen Entwurf des Malers, Illustrators und Buchkünstlers Max Schwerdtfeger (geb. 1881). - Beiliegend eine Fiche, nach der der Einband auf der "Internationalen Buchkunst-Ausstellung Leipzig 1927" ausgestellt wurde. Mit Exlibris (auf diesem eine kleine Widmung in Tinte).

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€ 4.000   (US$ 4.920)


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€ 2.600 (US$ 3.198)



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