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Katalog Druckgraphik des 15.-19. Jahrhunderts » zur Kunstabteilung
Druckgraphik des 15.-19. Jahrhunderts Auktion 114, Mi., 27. Nov, 10.00 Uhr


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Los 5075 Dürer, Albrecht
Melancolia
Verkauft


Die Melancholie (Melencolia I). Kupferstich. 24,2 x 18,7 cm. 1514. B. 74, Meder 75 II, mit der Richtigstellung der Ziffer 9, vor dem Ritz auf der Kugel c-d (von f). Wz. Kleines Krüglein (Meder 158, um 1525).

Albrecht Dürers Kupferstich „Melencolia I“, dessen inhaltliche Deutung seit jeher Rätsel aufgibt, gilt als das am meisten besprochene und kommentierte Werk der Kunstgeschichte. Peter-Klaus Schuster nannte es das „Bild der Bilder“.
Rechts auf einer Steinbank sitzt die weibliche, bildbestimmende Figur. Sie trägt einen Blätterkranz auf dem Haupt und hat Engelsflügel. Den Ellenbogen auf ihr Bein gestützt, legt sie den Kopf nachdenklich in die linke Hand - ein seit dem Altertum geprägter Topos für Schwermut und Trauer, die Personifikation der Melancholie. Umgeben wird das geflügelte Wesen von symbolträchtigen Gerätschaften und Utensilien: Hobel und Stichsäge, Lineal und Richtscheit, Nägel und Hammer, Tintenfass und Schmelztiegel, Waage und eine magische Tafel sowie der Stein-Polyeder. Der am Boden kauernde Jagdhund und der Putto auf dem Mühlstein teilen offenkundig die schwermütige Stimmung. Rechts, hinter dem Putto und der weiblichen Gestalt, ragt ein turmartiges, fensterloses Gebäude empor, das die Sicht auf die phantastische Meereslandschaft versperrt, die links zu sehen ist. Am Nachthimmel ein heller Komet und ein Regenbogen. Ein fledermausähnliches Wesen mit aufgerissenem Maul im oberen linken Rand verweist mit dem Titulus „Melencolia I“ auf den Sinngehalt des Kupferstichs. Einhellig geht man davon aus, dass es sich um eine allegorische Darstellung einer der vier menschlichen Temperamente handelt, dem Schema folgend, das in der Antike entwickelt wurde (vgl. Schoch/Mende/Scherbaum 2002, Bd. I, S. 180). Aus der antiken Vier-Säftelehre, nach deren Verständnis das Mischverhältnis der vier Körpersäfte Blut (sanguis), Schleim (phlegma), gelbe Galle (chole) und schwarze Galle (melaina) die Befindlichkeit eines jeden Menschen bestimmt, entwickelte sich die Idee der vier menschlichen Grundtypen mit stereotypen Charaktereigenschaften: Sanguiniker, Phlegmatiker, Choleriker und Melancholiker. Auch zu Dürers Zeit war die Vorstellung dieser vier Grundtypen verbreitet; wurde der Sanguiniker gemeinhin als heiter erachtet, so wurde der Melancholiker als dessen negatives Gegenbild definiert.
Angestoßen durch eine Passage in Aristoteles „Problemata“, die durch neoplatonische Philosophen zunächst in Italien Verbreitung fand, besteht Dürers epochale Leistung vor allem darin, für die europäische Bildtradition dieses mittelalterliche Schema der Komplexionen durch eine neue Sicht auf das melancholische Temperament abgelöst zu haben. Das melancholische Temperament wurde in der Folge mit intellektueller Kreativität in Verbindung gebracht, Melancholie und Genialität bedingten sich nun wechselseitig. Dürers geflügelte Gestalt wird somit zu einer Allegorie der künstlerischen Melancholie. Nicht zu Unrecht sehen einige Forscher deshalb in dem Kupferstich ein „verstecktes Selbstbildnis“ des Künstlers, denn Dürer waren die Leiden des Melancholikers wohl nicht fremd: grundlose Traurigkeit und Weltfurcht - um nur eine der vielen Deutungen aufzugreifen (vgl. op. cit. S. 183). Der Kupferstich ist der letzte der drei sogenannten "Meisterstiche", die Dürer in den Jahren 1513 und 1514 entwarf und die innerhalb des druckgraphischen Œuvres als unübertroffene Höhepunkte gelten. -
Das bedeutende Blatt Dürers in einem zweiten Zustand mit der Richtigstellung der Ziffer 9 auf der magischen Tafel, mit dem zarten Kratzer über den Nägeln. Mit dem für die frühen Zustände bei Meder beschriebenen Wasserzeichen "Krüglein", das häufig, wie auch bei vorliegendem Exemplar, am äußeren Rand oben situiert ist.
Prachtvoller, äußerst harmonischer, samtig wirkender und dabei satter, wohl noch zu Lebzeiten Albrecht Dürers genommener Druck vereinzelt mit feinem Grat in den dunklen Partien und mit teils sehr zartem Wischton. An drei Seiten mit gleichmäßigem, sehr feinem weißem Rändchen um die Einfassungslinie, lediglich entlang des unteren Randes partiell minimal an dieselbe geschnitten, oben knapp in die Darstellung geschnitten. Verso leichte geglättete Knickspuren sowie zarte oberflächliche Spuren von Rötel, entlang des oberen Randes mit größter Sorgfalt sehr unauffällig angerändert und die äußere Darstellung sowie teilsweise die Einfassung dort mit sehr dezenten und unmerklichen Federretuschen ergänzt, sehr vereinzelt weitere fachmännische und kaum wahrnehmbare Ausbesserungen, verso kleine alte Montierungs- und Kleberückstände entlang der äußeren Ränder, sonst herrliches und im Gesamteindruck vollkommenes Exemplar.

Provenienz: Adalbert Freiherr von Lanna, Prague (doppelt gestempelt Lugt 2773); dessen Auktion bei H.G. Gutekunst, Die Sammlung Lanna, 2. Teil: Handzeichnungen alter Meister und Kupferstiche, Stuttgart, 6-11 Mai 1910, Los 698, beschrieben als: “Hauptblatt in prachtvollem Abdruck auf Papier mit dem Krug. Von dieser Qualität sehr selten.”
Auktion Gilhofer & Ranschburg, Luzern, 19-20 Mai 1925, Los 126 (Abb. 21), beschrieben als: “Impression of the greatest beauty. In perfect condition, with small margins.”

Literatur: Hans Wolfgang Singer, Sammlung Lanna Prag. Das Kupferstichkabinett Wissenschaftliches Verzeichnis, Band 1, Prag 1895, S. 280, Nr. 3031.
B.L.D. Ihle/J.C. Ebbinge Wubben, Prentkunst van Martin Schongauer, Albrecht Dürer, Israhel van Meckenem. Uit eene particuliere verzameling, Ausst. Kat. Museum Boijmans, Rotterdam, 1955, S. 31-33, Nr. 53, Abb. 15.

Schätzpreis
€ 120.000   (US$ 132.000)


Zuschlag
€ 135.000
(US$ 148.500)
(GBP 120.150)
(CHF 148.500)


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Melancolia
Verkauft

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