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Los 2104 Musil, Robert
Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten
Im Nachverkauf
2104) » größer

Musil, Robert, österr. Schriftsteller und Theaterkritiker, der an seinem zur Weltliteratur zählenden Hauptwerk "Der Mann ohne Eigenschaften" seit 1920 bis zu seinem Tode arbeitete (1880-1942). Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten; ferner 15 Briefe u. 13 Karten von Martha Musil. - Eingelegt in moderne, mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogene Funktions- und Präsentationskassette (Maße: 11 x 16 x 25 cm).

Die überwiegend unveröffentlichte Korrespondenz Robert Musils und seiner Frau Martha Musil, geb. Heimann, mit dem gemeinsamen Jugendfreund, dem Psychologen Gustav Johannes von Allesch (1882-1967). Die Korrespondenz beginnt im Jahre 1906 und erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren zunächst bis 1911, wobei jeweils alle zwei bis drei Monate geschrieben wurde. Bis zum Krieg und über diesen bis zu dessen Ende schweigen die Federn, dann hebt die schriftliche Konversation wieder 1918 an, verringert sich in den Jahren 1920 bis 1926, um in der Zeit von 1927 bis 1949 wieder den alten Rhythmus von mehreren Briefen und Karten pro Jahr zu erreichen.
Anschließend folgt eine Aufstellung mit einigen Angaben über den Inhalt der Briefe sowie mit Hinweisen auf die wenigen veröffentlichten Briefe, die in Karl Dinklages "Robert Musil, Leben, Werk, Wirkung" (Lizenz-Ausgabe Rowohlt 1960, gedruckt wurden. Der Abdruck dort auf den Seiten 277 bis 324).

"Die Briefe Robert Musils an Johannes von Allesch gehören ohne Zweifel zu seinen persönlichsten. Allesch sei 'einer der ganz wenigen Menschen, mit denen Musil wirklich befreundet war', schrieb W. Berghahn. Am Ende seines kleinen Essays 'Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit' (in: R. Musil. Leben, Werk, Wirkung, ed. K. Dinklage, 1960) schreibt der Adressat: 'Allein in der Ferne, in dem Gedanken eines 'Generalsekretariats der Genauigkeit und der Seele' klingt bei Musil, der trotz aller Zweifel bei jeder Vorstellung ... von der Zuversicht auf die letzten Endes doch alles bewältigende Ratio geleitet ist, eine Hoffnung auf, als wäre nach dem großen Erdbeben unserer Epoche eine Rettung und ein Wiederaufbau auf dem reinen Weg der Sachlichkeit uind durch geläuterte Begriffe wie die der Mathematik möglich. Der Mann ohne Eigenschaften, seine Pläne und Spekulationen und er selbst werden zwar in das Inferno des Krieges hineingerissen und versinken, wie auch der Schauplatz dieses Gedankenspiels, das alte Österreich, versinkt, aber igendwie klingen die ersten Töne eines neuen Anfangs vom Horizont her und kaum vernehmbar auf'." (zit. nach J. Leinweber, Katalog XIV, 1985, 49-137).

Hier sollen nur einige wenige Brieftexte zitiert werden, eine vollständige Aufstellung mit Hinweisen auf Dinklage ist auf Anfrage erhältlich.

Rom, 31. Januar 1910 (2-seitiger Brief mit Briefkopf des Hotel Lavigne, Rom. Robert Musils spätere Frau Martha war die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Benny Heimann in Berlin. Sie war Schülerin von Lovis Corinth. „In Rom heiratet sie ihren zweiten Mann, den italienischen Kaufmann Enrico Marcovaldi, mit dem sie zwei Kinder hat. Da die Ehe sich jedoch als nicht sehr glücklich erweist, kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie bei einer Schwester, deren Mann einen Kunstsalon unterhält, den nötigen Rückhalt findet“ Wilfried Berghahn, Robert Musil, 1963). Musil schreibt: „Wir befinden uns in vollem Kriegszustand. Nicht ohne Situationswitz; Sie erinnern sich, daß Sgr. E(nrico) zuletzt eine Frist bis zum 31. verlangte um sich gütlich zu einigen. Das war - wie wir vermutet hatten - wirklich eine List; er benutzte die Zeit um sich mit Geld u. Advokatenratschlägen zu versehen u. reist heimlich nach Berlin, uns zu überraschen u. die Kinder zu entführen … Dieweil der daneben gesprungene Löwe in Berlin ist, sitzen wir hier in seiner Höhle u. benützen seine Abwesenheit nach Kräften“. Musil bittet von Allesch, die gegenwärtige Wohnung Marcovaldis zu ermitteln: „…aber bitte größte Vorsicht … Hauptsächliche Charakteristika: 1,75 groß, sehr stark, schwarz stark meliert, kleiner Hinterkopf u. im Verhältnis großes Gesicht, Tenorgang…“.
Aus Wien, Floriansgasse 2, am 4. November 1919 schreibt Robert Musil: „… ich war damals in Berlin so knapp mit d er Zeit und so gehetzt , daß ich Dich auf der Visitekarte sogar, wenn mich nicht alles täuscht, mit 'Sie' an gesprochen habe. Zum Glück bist Du kein Wiener Psychologe, der mir daraus einen Fallstrick drehen würde. Den Münchner Aufenthalt bei der Heimkehr mußte ich dann aufs äußerste restringieren, weil uns ein Telegramm Gaetanos (i.e. Musils Stiefsohn) Ankunft in Wien erwarten ließ" Neben anderem auch über Alleschs Ehe.
Wien, am 13. Dezember 1919: "Pekuniär geht es uns allen schlecht , wie sich denken läßt , aber schließlich bringt man das Rätsel des Weiterlebens zuwege; wie , weiß man von sich selbst nicht. Die Reise nach Berlin ist nicht aufgegeben ..." und ebendort am 24. Dezember 1920 mit sehr ausführlichen Worten über die Verhandlungen mit den Verlagen Rowohlt und Fischer wegen Musils Schauspiels 'Die Schwärmer'. Robert Musil schreibt: "Du wirstverstehn , daß ich innerlich auf das Schlimmste gefasst , selbst gegen das Beste ein gewisses Mißtrauen aufbringe." Das Mißtrauen , das allen nicht-expressionistischen Dramen von den 'umsatzorientierten großen Verlegern entgegengebracht wurde, erklärt die Schwierigkeiten , die Musils ' Reflexionstheater' , sein auf der Bühne schwierig realisierbares Meisterwerk hatte. 'Die Schwärmer. Schauspiel in drei Aufzügen' wurde dann 1921 in Dresden im Sibyllen-Verlag gedruckt; erst 1925 dann auch bei Rowohlt.
Die folgenden Briefe mit umfangreichen Ausführungen und Kritiken am Burgtheater (Wien am 1. Juni 1921), über die gegenwärtigen Kosten des Lebensunterhalts und der Lebensmittel am 16. Dezember 1921: „Einige Illustrationen:; Ein Abendbrot für zwei, gestern in einem einfachen Lokal: 1100 K(ronen). Ein kg. Kaffee: 2600 K. Eine Schale Kaffee zwischen 50 u. 90 K. … Ein Laib Brot (weiß) 148 K. Ein Paar Würstl im Geschäft 150 K., 10 d(ezi)kg. Wurst von 110 bis 700 K. 1 kg. Rindfleisch über 1000 K. Ein Ei 120 K. Büchse Kondensmilch 1200 K. 1 kg. Reis 500 K. … Eine Fahrt auf der Elektrischen 30. … Ein Zimmer für 2 Personen schätze ich auf 10.000 K. monatlich (wer zu bekommen)…“.
Am 20. Dezember 1925 beschwert sich Musil über Ernst Rowohlt: „Tatbestand: Er schickt mir kein Geld und antwortet auf meine Briefe nicht. Seit Oktober. Bis dahin war ich sehr zufrieden mit ihm. Mit den Zahlungen gab es manchmal Verzögerungen, aber er war immer hilfsbereit, entgegenkommend und nicht kleinlich … Das Unerhörte ist, daß er mir nicht ein Wort schreibt, warum und wielang ich mich gedulden soll“. Endlich geht dann wieder Geld von Rowohlt ein, was Musil wohl auch von Alleschs Nachdruck zu verdanken hat: „Vielen Dank! Du bist ein wundervoller Kampfengel“, am 20. Dezember 1925.
Gemeinsamer Brief von Robert und Martha Musil aus Haus Parth in Ötz in Tirol am 5. September: "Die Nehrung ist nach Ihrer Beschreibung wunderschön und verlockend dort zu sein; nur liegt sie für Europäer ohne besondre Zugehörigkeits- Heimats- und Gefühlseinstellungen ebenso weit vom Mittelpunkt der Erde (Romanisches) entfernt wie Osaka. Also nur mit Phantastik und Glück kommt man dorthin", schreibt Martha und Robert ergänzt: "Die Luft hat meinem Roman gut getan, und ich muß das ausnützen. Dann steht noch Karlsbad bevor. Und um alles herum die allgemeine Unsicherheit meines Lebens."
In einem Brief vom 27. Dezember 1929 schreibt Robert Musil aus Wien: "Die beigelegte Rezension hat mich nun dadurch melancholisch gemacht, daß sie mir meine Unbekanntheit in Greifswald von Deinem Eingreifen von Augen stellte, die so wichtig für mein Schicksal ist, da die Provinz schließlich entscheidet und die Leute aus dem plätschernden Dichtenwald das Vordringen dahin so viel leichten haben. Jetzt bin ich sicher, mein Plätzchen wenigstens in Greifswald und wenn auch neben Hans Watzlik, dem deutschen Dichter ... zu haben".
Und am 9. Mai 1930 wieder über Rowohlt über den Mann ohne Eigenschaften: "Ich habe den Eindruck, daß er (Rowohlt), wenn kein Erfolg kommt, nicht mehr weiter will, und von den Bedingungen, unter denen ich weiter arbeiten muß, kann ich nun sagen, daß sie u n m ö g l i c h sind. Ich mußte aber gute Miene zum bösen Spiel machen, weil ich mit einem halben Riesenbuch in der Hand bei den heutigen Lage den Dinge völlig hilflos bin."
In einem umfangreichen, hochbedeutenden Brief vom 15 März 1931 schreibt Robert Musil: "Wenn ich die Kritik überblicke, sehe ich: Erstens die merkwürdige Erscheinung, daß man den Mann o. E. imstande ist, bis aufs Höchste zu loben, beinahe ohne daß dabei für den Dichter davon etwas abfällt. Man sagt z.B. Unter den europäischen Romanen der bedeutendste, oder:' Kein zweiter deutscher Roman erreicht diese Höhe: daß ich aber danach zumindest unten den deutschen Dichtern bisher unterschätzt werden sei, davon spricht kein Mensch, so als ob das eine ganz andere Sache wäre. Darum würde es mir wichtig und dankbar erscheinen, den Nachweis dafür zu erbringen, daß der letzte Roman, bloß in breiterer Entfaltung, ja doch nur die andern Sachen fortsetzt. Zweitens entnehme ich der Kritik - nicht so sehr als formulierte Einwände, wie als Spuren von ausgestandener Schwierigkeit - die große Unsicherheit dem Problem der Gestaltung gegenüber. Der Roman unseren Generation (Thomas Mann, James Joyce, Marcel Proust etc.) hat sich allgemein vor der Schwierigkeit gefunden, daß die alte Naivität des Erzählens der Entwicklung der Intelligenz gegenüber nicht mehr ausreicht. Den Zauberberg halte ich in dieser Hinsicht für einen ganz mißglückten Versuch; in seinen 'geistigen' Partien ist er wie ein Haifischmagen. Proust und Joyce geben, soviel ich davon gesehen habe, einfach der Auflösung nach, durch einen assoziierenden Stil, mit verschwimmenden Grenzen. Dagegen wäre mein Versuch eher konstruktiv und synthetisch zu nennen. Sie schildern etwas Aufgelöstes, aber sie schildern eigentlich gerade so wie früher, wo man an die festen Konturen der Dinge geglaubt hat."
Ein maschinenschriftlicher Brief, datiert Wien am 2. Februar 1938: ”Ich bin seit dem Frühjahr, wo ich von Row(ohlt) zu B(ermann) F(ischer) überging, so bemüßigt, eine Fortsetzung meines Romans zur Veröffentlichung zu bringen, daß ich einfach einen Sack üben dem Kopf trage und nicht imstande bin, Freundschafts- und Menschenpflichten zu genügen. Du müßtest schon einmal mit höheren Ermächtigung in den Tabubezirk kommen, der mich beherbergt, damit wir uns aussprechen können und vielleicht herausfinden, wozu wir auf den Welt sind !!“

Professor Dr. Johannes von Allesch, der Empfänger der Briefe, lehrte an der Universität Göttingen. In dem von Dinklage herausgegebenen Buch ist sein Aufsatz "Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit" erschienen. Schon 1975 wurde im Auktionskatalog vermerkt, was heute, 44 Jahre später, noch (bzw. noch mehr) gilt: "Briefe Musils werden im Handel selten angeboten. Das 'Jahrbuch der Auktionspreise' verzeichnet seit 1950-1972 nur etwa zwölf Einzelbriefe. Eine Korrespondenz dieses Umfangs und von dieser Be­deutung darf daher ein besonderes Interesse beanspruchen". In den Beschreibungen des Leinweber-Katalogs finden sich teils ausführliche Briefzitate (in Kopie beiliegend).
– Nur übliche Gebrauchsspuren, minimale Bräunungen, meist sehr gut erhalten. Beiliegen Photokopien zur Dokumentation der Provenienz: 1975 Katalog Hauswedell & Nolte, 209/158 sowie 1985 Leinweber XIV, 49-137. Dazwischen in Privatbesitz.
Die Präsentationskassette ist ein kleines buchkünstlerisches Wunderwerk: Sie schützt den hohen Stapel der Autographen in einem inneren Kasten, der von einem äußeren umgeben wird. Dieser ist mit einer getreppten Klappe versehen, auf der in braunen Lettern ein Titel eingedruckt ist: "Robert Musil. Korrespondenz mit Johannes von Allesch 1906-1939". Hebt man die Klappe an dem Kirschholzgriff, klappt sich ein Rahmen auf (hier findet sich die Signatur des Meisterbuchbinders "Renaud Vernier. Maître d'Art. 2005"), der als Stütze dient für eine wiederum ausklappbare, dreifache Flügelkonstruktion: Diese ebenfalls mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogenen, durch drei breite Gelenke miteinander verbundenen Flügel ergeben ausgefaltet ein altarhaftes Triptychon mit drei hinter Plexiglasscheiben eingelassenen Porträtpostkarten des jugentlichen Autors Robert Musil. Vor diesem Altar darf der Betrachter nun die somit freigelegten Autographen wie die Reliquien eines Heiligen ehrfurchtsvoll lesend betrachten. – Beiliegen zahlreiche Briefkuverts, teils eigenh. von Robert bzw. Martha Musil beschriftet, von denen noch vier hinzuerworben werden konnten (und nicht Teil des Angebots der beiden genannten Häuser war).

Schätzpreis
€ 120.000   (US$ 147.600)


Nachverkaufspreis
€ 100.000

(US$ 123.000)
(GBP 88.000)
(CHF 117.000)


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