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BASSENGE Kunst- und Buchauktionen

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Lose im Nachverkauf

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Autographen Auktion 111, Mi., 18. Apr., 17.00 Uhr


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Hauptbild Beschreibung Status
Lang, Siegfried
Eigenh. Brief m. U. und eigenh. Karte m. U. 2 S...

Los 2075

Lang, Siegfried, bedeutendster Basler Lyriker des 20. Jahrhunderts (1887-1970). Eigh. Brief m. U. und eigh. Karte m. U. 2 S. Fol. und 2 S. Quer.-8°. Basel 10.XII.1946 - 8.V.1948.

An den Wiener Schriftsteller Alexander Lernet-Holenia (1897-1976), mit dem er sich in St. Wolfgang am 8. Mai 1948 verabredet hatte: "Zugleich mit ihrer Anfrage vom 4. erhielt ich aus Zürich die Einladung, im Laufe der kommenden Woche dort einen Besuch zu machen, doch konnte man mir den dafür passenden Tag noch nicht nennen. So muss ich Sie nur fragen: Hätten Sie in Basel noch andere Personen, ausser mir, sehen wollen, und wären auf jeden Fall nach Basel gefahren? Dann würde ich es einrichten am Mittwoch in Basel zu sein. Sonst aber könnte unser Zusammentreffen nun auch in Zürich stattfinden...". – Beiliegt ein eigenh. Briefe m. U. von Frank Thieß (1890-1977), ebenfalls an Lernet-Holenia. 4 S. auf 1 Doppelblatt 4°. Bad Aussee 27.IX.1948.

Schätzpreis
€ 160   (US$ 188)


Nachverkaufspreis
€ 80   (US$ 94)


Lenau, Nicolaus
Brief 1840

Los 2077

Lenau, Nicolaus (d. i. Nic. Niembsch von Strehlenau), österr. Dichter (1802-1850). Eigh. Brief m. U. "Niembsch-Lenau" und Siegelrest. 2 S. Gr. 8vo. Wien 11.X.1840.

An den Herausgeber eines Musen-Almanachs (Echtermeyer oder Ruge?), der Lenau um Beiträge für die nächste Ausgabe ersucht, ihn aber erst in Wien erreicht hatte. "... Da alle meine lyrischen Gedichte von der eben veranstalteten zweiten Auflage meiner Neuern Gedichte verschlungen worden, schickte ich mich nach Empfang Ihres Briefs sogleich an, für den Musenalmanach etwas zu produciren, und als ich im besten Zuge war, traf mich die schmerzlich störende Nachricht von dem Tode eines meiner treuesten Freunde. Ich muß mir daher von Ihnen einige Zeit zur Wiedergewinnung der guten Stimmung und Beendigung des begonnenen Gedichts erbitten. - Von meinen Albigensern in einem Almanache Proben zu geben bin ich darum nicht geneigt, weil ich über diese Arbeit nicht eine voreilige und mißverstehende Kritik anregen will. Nur im äußersten Falle, wenn mir in der nächsten Zeit die lyrische Produktion durchaus versagen sollte, würde ich mein Bedenken überwinden und Ihnen doch ein Stück Albigenser zusenden, um Ihrem Almanach meinen Namen und Ihrer Person ein Zeichen meiner Ergebenheit nicht fehlen zu lassen, denn meine freudige Achtung vor Ihrer literarischen Wirksamkeit wächst mit dem Verlaufe derselben und Ihr persönliches Wohlwollen für mich hat Ihnen längst meine nähere Aufmerksamkeit gewonnen ...". - Gebräunt; 1 durchgetrennte Querfalte mit Transparentpapier restauriert; das Adressblatt bis auf den Siegelrest abgeschnitten. - Das 1842 erschienene Vers-Epos "Die Albigenser" mit seinen Grausamkeiten und seiner antipapistischen und pessimistischen Tendenz brachte dem Dichter, wie erwartet, viel Kritik ein.

Schätzpreis
€ 1.200   (US$ 1.416)


Nachverkaufspreis
€ 800   (US$ 944)


MacCarthy, Mary Josefa
2 eigenh. Briefe m . U. 2 Bl., je 1 2/3 S. 4°

Los 2080

"Time was so packed with ice cream lickers"
MacCarthy, Mary Josefa, Schriftstellerin, die der Bloomsbury-Group angehörte (1882-1953). 2 eigh. Briefe m. U. 2 Bl., je 12/3 S. 4° und 8°. Mit 1 gedrucktem Briefkopf sowie 1 eigenh. beschrifteten Kuvert. (London) 27.IX.1937 und 31.VIII.1942.

Umfangreiche, interessante Briefe an den Verleger Roger Senhouse (1899-1970) im Verlag von Secker & Warburg in London. Der Brief vom 27. September 1937 mit der Bitte, ihre Bücher noch nicht zu "verramschen": "Thank you so much for your letter, written to me in August - I am glad you have not yet remaindered me. - Do keep the books on your shelves, say just till next spring or so? Then oblivion, & my contract ended I suggest. In my book Longmans is bringing out, inside the cover, they put - By the same author - Fighting F. / Pier & Band / 19th Cent Childhood - Martin Secker & Warburg". - Der zweite Brief ist anlässlich eines Besuchs von Senhouse bei ihr geschrieben: "I thought it most delightful of you to take such kind trouble for me, & I shall always remember your visit with gratitude - as something really very kind. For it is rather a bother to get out here and I felt sorry I had not managed to give you a restful sight of Hampton Court. But of course I forgot how early they barricade & ban everything up now; & the earlier time was so packed with ice cream lickers, I thought it best to put off that late hour. I shall have to become a more efficient sort for Cook's man - than I have archived being as yet! ...". Molly MacCarthy war mit Desmond MacCarthy verheiratet, dem literarischen Herausgeber des "New Statesman". Beide gehörten mit Vanessa and Clive Bell, Virginia Woolf, Lytton Strachey und Maynard Keynes der "Bloomsbury Group" an.

Schätzpreis
€ 200   (US$ 236)


Nachverkaufspreis
€ 100   (US$ 118)


Mendelssohn, Peter de
Briefkarte-1981

Los 2092

- Mendelssohn, Peter de, Schriftsteller, Essayist und Publizist, u. a. bedeutender Thomas-Mann-Biograph (1908-1982). Eigh. Brief-Karte m. U. "Peter de Mendelssohn" und Umschlag. 2 S. Quer-8vo. München 18.X.1981.

An einen Thomas-Mann-Verehrer in Mainz, der, vielleicht in Mendelssohns Edition von Thomas Manns "Gesammelten Werken in Einzelbänden", einen Fehler entdeckt hatte. "... Sie haben recht, da ist mir eine Flüchtigkeit unterlaufen. Wird demnächst verbessert. Aber in meiner Thomas-Mann-Biographie Der Zauberer, S. 668 und folgende steht es richtig. Dort ist im Kapitel Bilse oder Kunst und Wirklichkeit der ganze Sachverhalt genau geschildert. Interessiert Sie vielleicht. Die erste und Originalauflage des Bilse-Buchs erschien 1903 in einem Braunschweiger Verlag. Ihr Exemplar aus der 2. Auflage von 1904 erschien (wegen Verbots in Deutschland) in Wien. Im 'Wiener Verlag' erschien auch einiges von Schnitzler! Passt gut zusammen ...".

Schätzpreis
€ 90   (US$ 106)


Nachverkaufspreis
€ 60   (US$ 70)


Musil, Robert
Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten

Los 2104

Musil, Robert, österr. Schriftsteller und Theaterkritiker, der an seinem zur Weltliteratur zählenden Hauptwerk "Der Mann ohne Eigenschaften" seit 1920 bis zu seinem Tode arbeitete (1880-1942). Nachlass mit 40 Briefen und 21 Postkarten; ferner 15 Briefe u. 13 Karten von Martha Musil. - Eingelegt in moderne, mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogene Funktions- und Präsentationskassette (Maße: 11 x 16 x 25 cm).

Die überwiegend unveröffentlichte Korrespondenz Robert Musils und seiner Frau Martha Musil, geb. Heimann, mit dem gemeinsamen Jugendfreund, dem Psychologen Gustav Johannes von Allesch (1882-1967). Die Korrespondenz beginnt im Jahre 1906 und erstreckt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren zunächst bis 1911, wobei jeweils alle zwei bis drei Monate geschrieben wurde. Bis zum Krieg und über diesen bis zu dessen Ende schweigen die Federn, dann hebt die schriftliche Konversation wieder 1918 an, verringert sich in den Jahren 1920 bis 1926, um in der Zeit von 1927 bis 1949 wieder den alten Rhythmus von mehreren Briefen und Karten pro Jahr zu erreichen.
Anschließend folgt eine Aufstellung mit einigen Angaben über den Inhalt der Briefe sowie mit Hinweisen auf die wenigen veröffentlichten Briefe, die in Karl Dinklages "Robert Musil, Leben, Werk, Wirkung" (Lizenz-Ausgabe Rowohlt 1960, gedruckt wurden. Der Abdruck dort auf den Seiten 277 bis 324).

"Die Briefe Robert Musils an Johannes von Allesch gehören ohne Zweifel zu seinen persönlichsten. Allesch sei 'einer der ganz wenigen Menschen, mit denen Musil wirklich befreundet war', schrieb W. Berghahn. Am Ende seines kleinen Essays 'Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit' (in: R. Musil. Leben, Werk, Wirkung, ed. K. Dinklage, 1960) schreibt der Adressat: 'Allein in der Ferne, in dem Gedanken eines 'Generalsekretariats der Genauigkeit und der Seele' klingt bei Musil, der trotz aller Zweifel bei jeder Vorstellung ... von der Zuversicht auf die letzten Endes doch alles bewältigende Ratio geleitet ist, eine Hoffnung auf, als wäre nach dem großen Erdbeben unserer Epoche eine Rettung und ein Wiederaufbau auf dem reinen Weg der Sachlichkeit uind durch geläuterte Begriffe wie die der Mathematik möglich. Der Mann ohne Eigenschaften, seine Pläne und Spekulationen und er selbst werden zwar in das Inferno des Krieges hineingerissen und versinken, wie auch der Schauplatz dieses Gedankenspiels, das alte Österreich, versinkt, aber igendwie klingen die ersten Töne eines neuen Anfangs vom Horizont her und kaum vernehmbar auf'." (zit. nach J. Leinweber, Katalog XIV, 1985, 49-137).

Hier sollen nur einige wenige Brieftexte zitiert werden, eine vollständige Aufstellung mit Hinweisen auf Dinklage ist auf Anfrage erhältlich.

Rom, 31. Januar 1910 (2-seitiger Brief mit Briefkopf des Hotel Lavigne, Rom. Robert Musils spätere Frau Martha war die Tochter des wohlhabenden Kaufmanns Benny Heimann in Berlin. Sie war Schülerin von Lovis Corinth. „In Rom heiratet sie ihren zweiten Mann, den italienischen Kaufmann Enrico Marcovaldi, mit dem sie zwei Kinder hat. Da die Ehe sich jedoch als nicht sehr glücklich erweist, kehrt sie nach Berlin zurück, wo sie bei einer Schwester, deren Mann einen Kunstsalon unterhält, den nötigen Rückhalt findet“ Wilfried Berghahn, Robert Musil, 1963). Musil schreibt: „Wir befinden uns in vollem Kriegszustand. Nicht ohne Situationswitz; Sie erinnern sich, daß Sgr. E(nrico) zuletzt eine Frist bis zum 31. verlangte um sich gütlich zu einigen. Das war - wie wir vermutet hatten - wirklich eine List; er benutzte die Zeit um sich mit Geld u. Advokatenratschlägen zu versehen u. reist heimlich nach Berlin, uns zu überraschen u. die Kinder zu entführen … Dieweil der daneben gesprungene Löwe in Berlin ist, sitzen wir hier in seiner Höhle u. benützen seine Abwesenheit nach Kräften“. Musil bittet von Allesch, die gegenwärtige Wohnung Marcovaldis zu ermitteln: „…aber bitte größte Vorsicht … Hauptsächliche Charakteristika: 1,75 groß, sehr stark, schwarz stark meliert, kleiner Hinterkopf u. im Verhältnis großes Gesicht, Tenorgang…“.
Aus Wien, Floriansgasse 2, am 4. November 1919 schreibt Robert Musil: „… ich war damals in Berlin so knapp mit d er Zeit und so gehetzt , daß ich Dich auf der Visitekarte sogar, wenn mich nicht alles täuscht, mit 'Sie' an gesprochen habe. Zum Glück bist Du kein Wiener Psychologe, der mir daraus einen Fallstrick drehen würde. Den Münchner Aufenthalt bei der Heimkehr mußte ich dann aufs äußerste restringieren, weil uns ein Telegramm Gaetanos (i.e. Musils Stiefsohn) Ankunft in Wien erwarten ließ" Neben anderem auch über Alleschs Ehe.
Wien, am 13. Dezember 1919: "Pekuniär geht es uns allen schlecht , wie sich denken läßt , aber schließlich bringt man das Rätsel des Weiterlebens zuwege; wie , weiß man von sich selbst nicht. Die Reise nach Berlin ist nicht aufgegeben ..." und ebendort am 24. Dezember 1920 mit sehr ausführlichen Worten über die Verhandlungen mit den Verlagen Rowohlt und Fischer wegen Musils Schauspiels 'Die Schwärmer'. Robert Musil schreibt: "Du wirstverstehn , daß ich innerlich auf das Schlimmste gefasst , selbst gegen das Beste ein gewisses Mißtrauen aufbringe." Das Mißtrauen , das allen nicht-expressionistischen Dramen von den 'umsatzorientierten großen Verlegern entgegengebracht wurde, erklärt die Schwierigkeiten , die Musils ' Reflexionstheater' , sein auf der Bühne schwierig realisierbares Meisterwerk hatte. 'Die Schwärmer. Schauspiel in drei Aufzügen' wurde dann 1921 in Dresden im Sibyllen-Verlag gedruckt; erst 1925 dann auch bei Rowohlt.
Die folgenden Briefe mit umfangreichen Ausführungen und Kritiken am Burgtheater (Wien am 1. Juni 1921), über die gegenwärtigen Kosten des Lebensunterhalts und der Lebensmittel am 16. Dezember 1921: „Einige Illustrationen:; Ein Abendbrot für zwei, gestern in einem einfachen Lokal: 1100 K(ronen). Ein kg. Kaffee: 2600 K. Eine Schale Kaffee zwischen 50 u. 90 K. … Ein Laib Brot (weiß) 148 K. Ein Paar Würstl im Geschäft 150 K., 10 d(ezi)kg. Wurst von 110 bis 700 K. 1 kg. Rindfleisch über 1000 K. Ein Ei 120 K. Büchse Kondensmilch 1200 K. 1 kg. Reis 500 K. … Eine Fahrt auf der Elektrischen 30. … Ein Zimmer für 2 Personen schätze ich auf 10.000 K. monatlich (wer zu bekommen)…“.
Am 20. Dezember 1925 beschwert sich Musil über Ernst Rowohlt: „Tatbestand: Er schickt mir kein Geld und antwortet auf meine Briefe nicht. Seit Oktober. Bis dahin war ich sehr zufrieden mit ihm. Mit den Zahlungen gab es manchmal Verzögerungen, aber er war immer hilfsbereit, entgegenkommend und nicht kleinlich … Das Unerhörte ist, daß er mir nicht ein Wort schreibt, warum und wielang ich mich gedulden soll“. Endlich geht dann wieder Geld von Rowohlt ein, was Musil wohl auch von Alleschs Nachdruck zu verdanken hat: „Vielen Dank! Du bist ein wundervoller Kampfengel“, am 20. Dezember 1925.
Gemeinsamer Brief von Robert und Martha Musil aus Haus Parth in Ötz in Tirol am 5. September: "Die Nehrung ist nach Ihrer Beschreibung wunderschön und verlockend dort zu sein; nur liegt sie für Europäer ohne besondre Zugehörigkeits- Heimats- und Gefühlseinstellungen ebenso weit vom Mittelpunkt der Erde (Romanisches) entfernt wie Osaka. Also nur mit Phantastik und Glück kommt man dorthin", schreibt Martha und Robert ergänzt: "Die Luft hat meinem Roman gut getan, und ich muß das ausnützen. Dann steht noch Karlsbad bevor. Und um alles herum die allgemeine Unsicherheit meines Lebens."
In einem Brief vom 27. Dezember 1929 schreibt Robert Musil aus Wien: "Die beigelegte Rezension hat mich nun dadurch melancholisch gemacht, daß sie mir meine Unbekanntheit in Greifswald von Deinem Eingreifen von Augen stellte, die so wichtig für mein Schicksal ist, da die Provinz schließlich entscheidet und die Leute aus dem plätschernden Dichtenwald das Vordringen dahin so viel leichten haben. Jetzt bin ich sicher, mein Plätzchen wenigstens in Greifswald und wenn auch neben Hans Watzlik, dem deutschen Dichter ... zu haben".
Und am 9. Mai 1930 wieder über Rowohlt über den Mann ohne Eigenschaften: "Ich habe den Eindruck, daß er (Rowohlt), wenn kein Erfolg kommt, nicht mehr weiter will, und von den Bedingungen, unter denen ich weiter arbeiten muß, kann ich nun sagen, daß sie u n m ö g l i c h sind. Ich mußte aber gute Miene zum bösen Spiel machen, weil ich mit einem halben Riesenbuch in der Hand bei den heutigen Lage den Dinge völlig hilflos bin."
In einem umfangreichen, hochbedeutenden Brief vom 15 März 1931 schreibt Robert Musil: "Wenn ich die Kritik überblicke, sehe ich: Erstens die merkwürdige Erscheinung, daß man den Mann o. E. imstande ist, bis aufs Höchste zu loben, beinahe ohne daß dabei für den Dichter davon etwas abfällt. Man sagt z.B. Unter den europäischen Romanen der bedeutendste, oder:' Kein zweiter deutscher Roman erreicht diese Höhe: daß ich aber danach zumindest unten den deutschen Dichtern bisher unterschätzt werden sei, davon spricht kein Mensch, so als ob das eine ganz andere Sache wäre. Darum würde es mir wichtig und dankbar erscheinen, den Nachweis dafür zu erbringen, daß der letzte Roman, bloß in breiterer Entfaltung, ja doch nur die andern Sachen fortsetzt. Zweitens entnehme ich der Kritik - nicht so sehr als formulierte Einwände, wie als Spuren von ausgestandener Schwierigkeit - die große Unsicherheit dem Problem der Gestaltung gegenüber. Der Roman unseren Generation (Thomas Mann, James Joyce, Marcel Proust etc.) hat sich allgemein vor der Schwierigkeit gefunden, daß die alte Naivität des Erzählens der Entwicklung der Intelligenz gegenüber nicht mehr ausreicht. Den Zauberberg halte ich in dieser Hinsicht für einen ganz mißglückten Versuch; in seinen 'geistigen' Partien ist er wie ein Haifischmagen. Proust und Joyce geben, soviel ich davon gesehen habe, einfach der Auflösung nach, durch einen assoziierenden Stil, mit verschwimmenden Grenzen. Dagegen wäre mein Versuch eher konstruktiv und synthetisch zu nennen. Sie schildern etwas Aufgelöstes, aber sie schildern eigentlich gerade so wie früher, wo man an die festen Konturen der Dinge geglaubt hat."
Ein maschinenschriftlicher Brief, datiert Wien am 2. Februar 1938: ”Ich bin seit dem Frühjahr, wo ich von Row(ohlt) zu B(ermann) F(ischer) überging, so bemüßigt, eine Fortsetzung meines Romans zur Veröffentlichung zu bringen, daß ich einfach einen Sack üben dem Kopf trage und nicht imstande bin, Freundschafts- und Menschenpflichten zu genügen. Du müßtest schon einmal mit höheren Ermächtigung in den Tabubezirk kommen, der mich beherbergt, damit wir uns aussprechen können und vielleicht herausfinden, wozu wir auf den Welt sind !!“

Professor Dr. Johannes von Allesch, der Empfänger der Briefe, lehrte an der Universität Göttingen. In dem von Dinklage herausgegebenen Buch ist sein Aufsatz "Robert Musil in der geistigen Bewegung seiner Zeit" erschienen. Schon 1975 wurde im Auktionskatalog vermerkt, was heute, 44 Jahre später, noch (bzw. noch mehr) gilt: "Briefe Musils werden im Handel selten angeboten. Das 'Jahrbuch der Auktionspreise' verzeichnet seit 1950-1972 nur etwa zwölf Einzelbriefe. Eine Korrespondenz dieses Umfangs und von dieser Be­deutung darf daher ein besonderes Interesse beanspruchen". In den Beschreibungen des Leinweber-Katalogs finden sich teils ausführliche Briefzitate (in Kopie beiliegend).
– Nur übliche Gebrauchsspuren, minimale Bräunungen, meist sehr gut erhalten. Beiliegen Photokopien zur Dokumentation der Provenienz: 1975 Katalog Hauswedell & Nolte, 209/158 sowie 1985 Leinweber XIV, 49-137. Dazwischen in Privatbesitz.
Die Präsentationskassette ist ein kleines buchkünstlerisches Wunderwerk: Sie schützt den hohen Stapel der Autographen in einem inneren Kasten, der von einem äußeren umgeben wird. Dieser ist mit einer getreppten Klappe versehen, auf der in braunen Lettern ein Titel eingedruckt ist: "Robert Musil. Korrespondenz mit Johannes von Allesch 1906-1939". Hebt man die Klappe an dem Kirschholzgriff, klappt sich ein Rahmen auf (hier findet sich die Signatur des Meisterbuchbinders "Renaud Vernier. Maître d'Art. 2005"), der als Stütze dient für eine wiederum ausklappbare, dreifache Flügelkonstruktion: Diese ebenfalls mit türkisfarbenem Maroquinleder bezogenen, durch drei breite Gelenke miteinander verbundenen Flügel ergeben ausgefaltet ein altarhaftes Triptychon mit drei hinter Plexiglasscheiben eingelassenen Porträtpostkarten des jugentlichen Autors Robert Musil. Vor diesem Altar darf der Betrachter nun die somit freigelegten Autographen wie die Reliquien eines Heiligen ehrfurchtsvoll lesend betrachten. – Beiliegen zahlreiche Briefkuverts, teils eigenh. von Robert bzw. Martha Musil beschriftet, von denen noch vier hinzuerworben werden konnten (und nicht Teil des Angebots der beiden genannten Häuser war).

Schätzpreis
€ 120.000   (US$ 141.600)


Nachverkaufspreis
€ 100.000   (US$ 118.000)


Musset, Alfred de
Brief an einen Freund

Los 2106

Musset, Alfred de, franz. Schriftsteller (1810-1857). Eigh. Brief m. U. "Alfd M" und Adresse. 2/3 S. 4to. O. O. u. J.

An seinen Freund François Buloz (1803-1877), Herausgeber der einflußreichen "Revue des deux Mondes". "Je vous envoie mes voeux ... qui sont un peu plus longue que je ne croyais. J'irai à la Revue pour les épreuves ... Vous m'avez dit dans votre lettre une injure horrible - vous m'accusez d'être à l'état p- oh! ça, c'est trop, comme dit Lablache." - 1 Eckabriss. - Beiliegend eine Echtheitsbestätigung des franz. Kultusministeriums und eine Ausfuhrgenehmigung.

Schätzpreis
€ 450   (US$ 531)


Nachverkaufspreis
€ 300   (US$ 354)


Prutz, Robert
Brief 1855 an J. G. Fischer

Los 2107

Prutz, Robert, freisinniger Schriftsteller und Publizist, häufig in politischem Konflikt mit der Obrigkeit, Almanach-Herausgeber, Literatur- und Theaterhistoriker, Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Deutsches Museum", Professor in Halle (1816-1872). Eigh. Brief m U. "R Prutz". 11/2 S. Gr. 8vo. Halle (Saale) 12.II.1855.

An den Dichter Johann Georg Fischer (1816-1897) in Stuttgart, betreffend eine literarische Einsendung und Honorare. Was die übersandte Erzählung betreffe, "so ist dieselbe doch zu localen Inhalts und auch wol schon zu alt, um sie noch zu benutzen. Es mag freilich schwer sein, aus Ihrer Stadt Erzehlg. zu bringen von allgemeinerem Interesse, wie das [Deutsche] Mus. sie allein brauchen kann, hoffentlich aber finden Sie bei größerer Muße auch dazu mal wieder Zeit u. Stimmung. - Daß Ihnen das Honorar ... noch nicht zugegangen, hat seinen Grund wol nur in der Unbeträchtlichkeit des Betrages; wir hofften immer, Sie sollten uns noch Gelegenheit geben, denselben zu erhöhen ...".

Schätzpreis
€ 150   (US$ 177)


Nachverkaufspreis
€ 100   (US$ 118)


Prutz, Robert
Brief aus Stettin

Los 2108

- Eigh. Brief m U. "R Prutz". 1/2 S. Gr. 8vo. Stettin 3.I.1872.

An einen Freund, dessen Antwort er anmahnt. "... Haben Sie meinen Brief, resp. Fragezettel vom 30. v. M. nicht erhalten? ... Durch das Ausbleiben der erbetenen Antwort bin ich in allen meinen Unternehmungen aufgehalten und erlaube ich mir, meine Bitte zu wiederholen. Alles Gute Ihnen und den werthen Ihren nochmals in meinem u. meiner Frau Namen zum Neuen Jahre ...".

Schätzpreis
€ 120   (US$ 141)


Nachverkaufspreis
€ 60   (US$ 70)


Sand, George
Brief 1843

Los 2115

Sand, George (d. i. Aurore Dupin, Baronin Dudevant), französ. Schriftstellerin, befreundet mit vielen großen Musikern und Schriftstellern (1804-1876). Eigh. Brief m. U. "G Sand". 3 S. Gr. 8vo. Paris 25. II. (ca. 1843/1844).

Nach einem verlorenen Prozess an ihren Rechtsanwalt, den sie mit Weisheit und Festigkeit zu trösten bemüht ist. "Quand on gagne son procès on est plus préssé de remercier son avocat que quand on l'a perdu, et c'est mal, c'est ingrat, c'est lâche. Pourtant je suis tombée dans ce péché et vous devriez ne pas me le pardonner. Je ne le pardonne pas à moi-même. Quoique ce ne soit pas aucune des mauvais sentiments que je signale, que j'ai été paralysée. J'ai eu toutes sortes de troubles et de contentions d'esprits depuis quelque temps. Je n'étais bonne à rien, et j'attendais pour vous aller voir, comme éclaircie dans mon cerveau. J'irai maintenant, je demanderais à Monsieur Bourdet à quel moment on ne vous dérange pas en vain donnant une poignée de main. Vous avez admirablement plaidé ma petite affaire, à ce qu'on m'a dit. Vous ne pouvez pas plaider autrement et vous y avez mis tout le zêle possible, je le sais. Le tribunal a fait une erreur, je le crois, mais un autre tribunal la réparera, je l'espère. Ainsi n'ayez pas de regret, et croyez bien que je suis toujours aussi fière de vous avoir pour défenseur dans mes grands ou petits procès. Gardez moi votre bienveillance et ne me jugez pas ingrate. J'ai été dans ces derniers tems, dans une situation d'esprit exceptionelle qui m'avait fait oublier toute affaire positive de la vie. Vous savez qu'on a de ces crises-là. Quand elles sont passé, on s'effraye d'être en retard avec les savoirs les plus sérieux et les plus doux ...". - Im Text 2 kleine Brandflecken von Funkenflug. - Inhaltlich schöner, gehaltvoller und charakteristischer Brief.

Schätzpreis
€ 900   (US$ 1.062)


Nachverkaufspreis
€ 600   (US$ 708)


Sartre, Jean-Paul
Marginalien zu Husserl aus den Jahren 1933/34

Los 2117

Sartres Arbeitsexemplare zweier Husserl-Schriften
Sartre, Jean-Paul, französischer Philosoph und Schriftsteller, vor allem Dramatiker, Hauptvertreter des Existentialismus (1905-1980). Eigh. Marginalien zu Edmund Husserl aus den Jahren 1933/34, notiert während seines Stipendiats am Institut Français in Berlin. Notate von seiner Hand auf über einhundert Seiten der beiden Schriften: a) Ed­mund Husserl. Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie.
Erstes Buch: Allgemeine Einführung in die reine Phänomenologie.
3. unveränderter Abdruck. Halle, M. Niemeyer 1928 (= Sonderdruck aus: "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologi­sche Forschung", Band 1/1913). VIII, 358 S. 23,5 x 17,6 cm. OLeinen. - b) Derselbe. Vorlesungen zur Phänomeno­logie des inneren Zeitbewußtseins. Hg. v. Martin Heidegger. Halle, M. Niemeyer 1928 (Sonderdruck aus: "Jahrbuch für Philosophie und phänomenologische Forschung", Band IX/1928). V, 130 S. (S. 367-496 der Jb.-Paginierung). 23,5 x 17,6 cm. OLeinen. Beide Bände zusammen in moderner schwar­zer Maroquinkassette (oberer Deckel lose) mit goldgeprägtem RTitel. Berlin 1933-1934.

Zwei Bände der philosophischen Schriften Husserls aus dem Besitz Jean-Paul Sartres mit dessen eigenhändigen Randbemerkungen. Meist in violetter Tinte, teils auch in Schwarz, ferner auch einige Bleistiftmarkierungen, die zusammen eine Ideenskizze des Existentialisten ergeben, ein „Brouillon“ zu einem später ausformulierten Essay. Die ausführlichen, hier unten zitierten Auswertungen des Jahres 1986 sind inzwischen von dem belgischen Philosophen und Politologen Vincent de Coorebyter revidiert, korrigiert und ergänzt worden, wobei er den Begriff „Präreflexives Cogito“ bei Sartre in den Mittelpunkt seiner Studie stellt und untersucht, inwiefern das philosophische Brouillon, also die ersten Ideenskizzen Sartres zu den beiden Husserl-Büchern, den Schluss erlauben, dass dort schon die berühmten Thesen Sartres in Anklängen zu finden sind. Tatsächlich hat sich Sartre zu seinen Anmerkungen selbst einmal in einem Interview geäußert, woraus deutlich wird, welche fundamental wichtige Bedeutung die Husserl-Studien für sein philosophisches Werk sind: „So war ich denn in Berlin, und las Husserl und machte mir Aufzeichnungen. Bei meiner Ankunft wußte ich noch nichts ... Zunächst einmal mußte ich also die ,Ideen‘ lesen... Die ,Ideen‘, nichts anderes als die ,Ideen‘. Sie müssen wissen, daß für mich, der ich langsam bin, ein Jahr für die Lektüre der ,Ideen‘ gerade ausgereicht hat“ (Sartre. Ein Film. 1978, S.30).

„Um die Entstehung des Begriffs ‚präreflexives Cogito‘ bei Sartre zu untersuchen,“, so Vincent de Coorebyter „muß man das Konzept des philosophischen Brouillons erweitern. Präreflexif taucht schon in ‚La Transcendance de l’Ego‘ auf, während mehrere spätere Essays mit dem Begriff ungeschickter umgehen, als wären sie Brouillons eines älteren Textes. Somit muß das Herausreifen des Begriffs anders erforscht und, nach Sartres eigener Ausgabe, im Werk von Husserl gesucht werden. Sartres Randbemerkungen in seinen Exemplaren von ‚Ideen‘ und ‚Zeitbewußtsein‘ zeigen, daß in den beiden Hauptwerken von Husserl, wenn auch fast unabsichtlich und nicht eindeutig, der Sartresche Begriff antizipiert wird. Kann also Husserls ‚Zeitbewußtsein‘ als ein Brouillon von Sartres ‚Transcendance de l’Ego‘ angesehen werden?“ (dt. Abstract des in Fotokopie beiliegenden ausführlichen Aufsatzes: „Qu’est-ce que’un brouillon philosophique? Le temps et le préréflexif dans les notes de Sartre en marge de Husserl“, in: Genesis, Philosophie, Manuscrits, recherches, invention. Revue internationale de critique génétique, S. 107-124, Abstract S. 124).

Wir zitieren hier eine Aufnahme des Jahres 1986: „In einem biographischen Abriß zu Sartres Leben und Werk lautet die Eintragung für die Jahre 1933/34 knapp: „Studium Husserls und Heideggers in Berlin“. Etwas ausführlicher liest man in einer Zeittafel: „Stipendiat am Institut Français in Berlin. Studium der zeitgenössischen deutschen Philosophie, besonders Husserls und Heideggers." Die hier vorliegenden Arbeitsexemplare zweier Husserl-Texte aus der Bibliothek des großen französischen Philosophen stellen nicht nur hochbedeutende biographische Zeugnisse für dieses Studium, sondern zugleich die Dokumente dieser intensiven Auseinandersetzung mit deutscher Philosophie während des einjährigen Berliner Studienaufenthaltes dar: Randbemerkungen als schriftlicher Niederschlag philosophischer Lektüre und selbst ein Stück Philosophie des jungen Philosophen, der noch vor seinen ersten bedeutenden Veröffentlichungen steht. Diese erfolgen nur wenige Jahre später in direktem Bezug auf die Berliner Studienjahre.

Rückblickend hat Sartre selbst über diese Zeit geschrieben: „1933 habe ich zum ersten Mal Husserl, Scheler, Heidegger und Jaspers, während eines einjährigen Aufenthaltes in der Maison Française in Berlin gelesen.“ Diese Ausführungen finden sich in der Untersuchung „Marxismus und Existentialismus“ aus dem Jahr 1960 (dt. Ausg., S. 34), in der sich nur wenige Sätze weiter auch ein Hinweis findet, wie denn philosophische Lektüre auszusehen habe, wenn sie nicht nur oberflächlich bleiben will (ein Vorwurf, den Sartre gegenüber Lukacs und dessen Heidegger-Verständnis erhebt): man müsse den in Frage stehenden Text wirklich „lesen (Hervorhebung bei Sartre) und Satz für Satz den Sinn erfassen.“ Ebendiese Lektüreintensität („Satz für Satz“) belegen die vorliegenden Handexemplare: Sartre hat ,seinen' Husserl nach dieser strengen Regel studiert (Sartres Deutsch­kenntnisse waren nicht nur ausreichend, sondern sehr gut). Die überaus zahlreichen Marginalien und Anstreichungen der vorliegenden Bände bezeugen den Intensitätsgrad der Lektüre, wobei der Füllfederhalter die Stationen der stärksten Beschäftigung markiert (und überliefert hat).

Wie zentral und epochemachend die Husserl-Lektüre neben der des Husserl-Schülers und Nachfolgers auf dem Freiburger Lehrstuhl, Martin Heidegger, für Sartre gewesen ist, davon sprechen die beiden ersten philosophischen Veröffentlichungen, die im Jahr 1936 erschienen: „La Transcendance de l’ego, esquisse d’une des- cription phenomenologique“ (zuerst in der „RecherchesPhilosophiques“, 6, 1936/37, S. 85-123; dt. unter dem Titel „Transzendenz des Ego. Versuch einer phänomenologischen Beschreibung“, 1964) sowie „L’imagination, étude critique“ (Paris 1936; dt. unter dem Titel „Über die Einbildungskraft“, 1964). In dem zuletzt ge­nannten Essay, dessen vierter Abschnitt „Husserl“ überschrieben ist, liest man einleitend: „Das wichtigste Ereignis in der Philosophie vor dem Ersten Weltkrieg war zweifellos das Erscheinen des ersten Bandes des Jahrbuchs für Philosophie und phänomenologische Forschung', das Husserls Hauptwerk enthielt: ,Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie'. Dieses Buch sollte die gesamte bisherige Philosophie wie Psychologie zum Einsturz bringen.“ (dt. Ausgabe, S. 137). Im selben Kapitel, einige Absätze später, werden dann ähnlich auch die „Vorlesungen zur Phänomenologie des inneren Zeitbewußtseins“ gewürdigt, die, herausgegeben von Martin Heidegger, zum ersten Mal im Jahr 1928 erschienen sind und Sartre in der vorliegenden Erstausgabe auch zur Verfügung standen.

Beide Arbeiten Sartres nehmen ihren Ausgang bei der Philosophie der deutschen phänomenologischen Schule, deren Begründer Husserl (1859-1938) ist. Sartres Existenzphilosophie, die einige Jahre später in seinem Hauptwerk „L’être et le néant. Essai d’ontologie phénomenologique.“ (Paris, 1943; dt. unter dem Titel „Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie“, Hamburg 1952) zu voller Geltung kommen wird, geht ihren philosophischen Weg von Husserl aus, aber ohne ihn deswegen auch zu Ende zu verfolgen, oder wie Theodor W. Adorno, der etwa zur selben Zeit wie Sartre, in den ersten Jahren des englischen Exils (1934-1937), sich intensiv mit Husserl beschäftigt hatte, für sich in diesem Zusammenhang angemerkt hat: „Husserls Philosophie ist Anlaß, nicht Ziel“ (Adorno in der Vorrede zu „Zur Metakritik der Erkenntnistheorie. Studien über Husserl und die phänomenologischen Antinomien.“) Oder nochmals in Sartres Worten: „Allerdings ... sind wir nicht in allen Punkten mit ihm einig. Auch verlangen seine Bemerkungen Vertiefung und Ergänzung. Aber die Hinweise, die er gibt, sind von unschätzbarer Bedeutung.“ (Über die Einbildungskraft, S. 139)

Es ist hier nicht der Platz, Sartres Existenzphilosophie, ein Ergebnis auch des französisch-deutschen Dialogs und französisch-deutscher Vermittlungsarbeit, die selbst wieder auf das Deutschland der Nachkriegsjahre nachhaltig zurückgewirkt hat, ausführlich zu würdigen. Wir belassen es bei einem Zitat von François Châtelet, das zusammenfassend den Einfluß und die außerordentliche Fruchtbarkeit Sartres beschreibt: „Zunächst bewegt sich das Werk Jean Paul Sartres noch in dem theoretischen Rahmen, der durch die Phänomenologie Husserls abgesteckt wurde: ein strenges Wissen aufzubauen durch die Methode der minuziösen Beschreibung des erkennenden, wissenden, denkenden, fühlenden Subjekts, insofern dieses im Zentrum jeglicher Fragestellung und jeglicher Antwort steht. Doch Sartres Einordnung in ein festes Lehrgebäude findet bereits unter dem Zeichen der Rebellion statt. Wenn er als Philosoph die Notwendigkeit einer neuen Theorie des Subjekts - ge­gen die verschiedenen Reduktionen' - erkennt, so versteht er das Subjekt wesentlich als ,Liberté en Situation', als Existenz.

Das ist der eigentliche Sinn seines Aufsatzes über „La Trancendance de l’Ego“ und von „Esquisse d’une theorie des emotions“ (1939) sowie von „L‘Imaginaire“ (1940): die Ablehnung aller psychologischen und soziologischen Erklärungen bzw., ganz allgemein, aller Konzeptionen, die auf irgendeinen Determinismus hinauslaufen. Diese Ablehnung gründet nicht etwa auf dem Begriff des reinen Subjekts, sondern auf einer Existenz, deren Eigenart es ist, das Nichts ,im‘ Sein anzudeuten. 1943 erscheint „L’être et le néant“, das philosophische Manifest dieser Ontologie der Freiheit.“ (François Châtelet”, 1937-1957: Ideen gegen Doktrinen“, in: Katalog „Paris-Paris. 1937-1957“, dt. Ausgabe, München 1981, S.23). Neu an der Phänomenologie Husserls ist der Anspruch, in allem anschaulich-beschreibend zu verfahren, neu auch die Einsicht, wie sehr der leibliche Organismus, in dem und als der wir leben, an der Begründung und Erfahrung unserer Wirklichkeit beteiligt ist. An diese neue Philosophie haben, jeder auf seine Weise kritisch tin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty und viele andere angeknüpft - bis hin zu Michel Fou' cault und Jacques Derrida; die letzteren nicht, ohne den Weg über Sartre zu gehen.
Zurück zu der vorliegenden „Handschrift“ (eine Handschrift wird man diese annotierten Exemplare angesichts der Fülle der Eintragungen und im Hinblick auf den Stellenwert der Lektüre der beiden Bände in Sartres philosophischem Schaffen ohne übermäßige Übertreibung nennen können): Wie man aus den Memoiren Simone de Beauvoirs erfährt, erfolgte die erste Berührung Sartres mit Heidegger in den dreißiger Jahren über einen japanischen Schüler des Freiburger Philosophen, der Sartre dessen Hauptwerk „Sein und Zeit“ (1927) schenkt hatte; offenbar, so legt die Widmung im „Ideen“-Band hier nahe, war Sartre auch im Fall Husserl über ein Geschenk in näheren Kontakt zu der dann so wirksam sich gestaltenden Philosophie Husserls gelangt: Auf dem Vorsatzblatt liest man die handschriftliche Eintragung: „En Souvenir de vos bonnes leçons, / votre élève reconnaissant / Maxim Chentany (Name nur schwer zu entziffern) / le 28 aout 1933.“ Leider haben wir über diesen Schüler Sartres keine Auskunft, so daß der biographische Hintergrund vorerst unaufgeklärt bleiben muß.

Die Widmung jedenfalls datiert vom Spätsommer 1933, zur Zeit also, als das Berliner Studienjahr Sartres eben lief. Und für die dann folgenden Monate wird Sartre sich in die Lektüre dieser und der zweiten - und wie ein Literaturhinweis Sartres bezeugt, auch einer dritten Schrift, der „Meditations Cartesiennes“ (Paris 1931 nach Vorlesungen Husserls an der Sorbonne 1929) bezeugt, vertieft haben. Darüber hinaus hat er eine Arbeit des Husserl-Assistenten Eugen Fink herangezogen, wie wiederum Literaturangaben bzw. Zitate dokumentieren (E. Fink, Die phänomenologische Philosophie Edmund Husserls in der gegenwärtigen Kritik. Kantstudien 38 (1933), S. 319-383); schließlich noch eine Arbeit des Philosophen A. Gurwitsch (Gurvitch), wie eine Notiz (Ideen, S. 207) ausweist. Nach dem Zeugnis von Simone de Beauvoir („In den besten Jahren“) hatte Sartre sich zu dem Berlin-Aufenthalt eigens deswegen entschlossen, um Husserl zu studieren; wie sie berichtet (dt. Ausgabe der Memoiren S. 118f.) hatte Raymond Aron, Soziologe und Freund Sartres, diesen als erster auf Husserl aufmerksam gemacht; Aron, Vorgänger Sartres als Stipendiat in Berlin, hat ihm nahegelegt, selbst auch diesen Studienweg zu wählen.
Die Mehrzahl der Randnotizen Sartres sind in violetter Tinte niedergeschrieben, einige auch in schwarzer Tinte, bisweilen hat Sartre mit Bleistift markiert. Immer hat er sich einer fein säuberlichen Handschrift befleißigt, die es uns erlaubt, die Marginalien zu entziffern. Die äußeren Formen dieser Lektüre mit dem Füllhalter reichen von einfachen Randanstreichungen über ein- oder mehrzeilige Unterstreichungen hin zu Verweisen innerhalb des Textes selbst, zu Verweisen auf die Parallellektüre (etwa Fink, Gurvitch, die Husserl-Schrift „Meditations Cartesiennes“ - diese zit. als „M. C.“ - u. a.), zu knappen Wortübersetzungen oder Wiederholungen im Rand, zu kürzeren oder längeren Zitaten, die hinzugefügt werden (etwa aus Fink), bis hin zu längeren erläuternden Passagen in deutscher und französischer Sprache; diese letzteren Notizen gehen über mehrere Randzeilen und stellen jeweils Kommentare vor: Verständnisschwierigkeiten, fragende Anmerkungen, Erläuterungen und Stellungnahmen. Auf derart vielfältige Weise wird der Text für den eigenen Gebrauch eingerichtet und die Lek­türe vertieft, ganz nach der eingangs zitierten Forderung einer Lektüre „Satz für Satz“. Verweise und längere wie kürzere Marginalien (Randanstreichungen und Unterstreichungen nicht gerechnet) finden sich an insgesamt 68 Stellen der beiden Bände. Noch nicht erwähnt wurde bislang die Übertragung der im Druckfehlerverzeichnis der „Vorlesungen“ angemerkten Satzfehler in den laufenden Text, so daß der Leser Sartre eine gereinigte Fassung vor Augen hatte - dies nur, um auch die Penibilität und Sorgfalt der Lektüre anzumerken.

Eine Auswertung der in diesen Bänden dokumentierten Husserl-Lektüre kann hier nicht erfolgen. Verwiesen sei als Beispiel nur auf den Status der Lektüre als Vorbereitung der Niederschrift etwa des Aufsatzes „Über die Einbildungskraft“: wenn sich im Band der „Vorlesungen“ auf den Seiten 390 und 472 zahlreiche Marginalien zum Begriff der „Retention“ finden, so ist man nicht überrascht, diesen Begriff auch in dem Essay diskutiert zu finden (dort S. 144f). Insofern stellt die Lektüre gleichsam das erste Manuskript, ein „Brouillon“ oder die Ideenskizze zum später ausformulierten Essay dar. Die Erinnerungen Simone de Beauvoirs datieren sogar die Niederschrift des Aufsatzes „La Transcendance de l’Ego“ ins Jahr 1934 selbst (ebd., S. 157f.), d.h. der Essay entsteht demnach parallel zur Berliner Husserl-Lektüre.

Mit Hilfe der Randbemerkungen sieht der heutige Leser dem Autor während der Arbeit über die Schulter: wo dieser Halt gemacht hat, hält auch er inne, und da der Leser dies rückblickend und in Kenntnis der publizierten Essays tut, weiß er immer schon mehr als der Autor selbst. Zur Frage der Erhaltung, die sich im Antiquariat so oft dringend stellt, ist hier nur soviel zu sagen, daß Sartre den „Ideen“-Band stärker durchgearbeitet und daher auch intensiver benutzt hat, wie die Gebrauchsspuren - hier nun kein bloß äußeres Merkmal - bezeugen. „Sartre“, heißt es bei Hans Heinz Holz, einem der zahlreichen deutschen Philosophen, die sich grundlegend mit Sartre und auch mit dessen Wurzeln in der Phänomenologie befaßt haben, „Sartre gründet in der Phänomenologie und geht aus von der phänomenologischen Methode.“ Die vorliegenden Bände zeugen davon in einer auch ganz materiellen Hinsicht und Gestalt: als Bücher mit Marginalien" (zit. Kat. Doerling 117/3215 - 1986).

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