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Los 2739 Siegfried, C.
Manuskript "Erinnerungen aus meinem Leben"
Verkauft
2739) » größer

"hierher nach dem schönen Berlin"
Berlin. - Siegfried, C., zunächst Student in Berlin. Eigh. Manuskript seiner Lebenserinnerungen. 4 Bände. 1 Bl., 174 S.; 1 Bl., 202 S., 1 Bl.; 233 S.; 164 S., in winziger Schrift sehr eng beschrieben. Mit einigen (1 lose eingelegten) Federzeichnungen. 4to. Marmor. Halblederbände d. Z. (etwas berieben) mit Rückenvergoldung und Rückenschildern. (Berlin) 1832-1841.

Bände 3-5 eines enorm umfangreichen Manuskripts von ursprünglich 5 Bänden, das in Bd III betitelt ist: "Erinnerungen aus meinem Leben. 3ter Theil". 2 Titelblätter sind mit dem Namen "C. Siegfried" versehen. Der offenbar aus dem thüringischen Zollbrück bei Schleusingen stammende Verfasser war im April 1832, aus Halle kommend, in Berlin eingetroffen, um hier sein Studium fortzusetzen (welches, ist nicht ganz klar und wohl nur bei vollständiger Lektüre der Bände zu ermitteln). Die Einleitung zu Band III ist datiert "Berlin den 25ten Mai 1832". Einen großen Teil der flüssig und fast ohne Verbesserungen niedergeschriebenen Memoiren Siegfrieds nehmen Betrachtungen über die Welt, die Menschen und sich selbst ein, doch die Passagen, in denen er seine Berliner Erlebnisse und Erfahrungen berichtet, zeichnen sich durch überaus genaue Beobachtung und lebendige, wertvolle Beschreibung aus. Als Beispiel für Stil und penible Detaildarstellung in seinen Texten seien Auszüge aus den Schilderungen seiner Universitätslehrer zitiert, nachdem Siegfried erstmals an den Vorlesungen von Carl Wilhelm Heyse, Leopold von Henning und Friedrich Heinrich von der Hagen teilgenommen hat: "Donnerstag den 10ten Mai fingen meine Collegien an, aber nur zum Theil, nämlich die Einleitung zu Horaz bei Heyse und Logik bei Henning. Die Geschichte der Litteratur der Griechen begann erst am Montag als den 14ten Mai und deutsche Grammatik bei von der Hagen erst am Mittwoch ... Mit dem Letztern und dem geringsten unter ihnen, dem Professor und Dr. der Philosophie v. d. Hagen beginne ich; um so mehr, da er der einzige ist, in dem ich mich in der ersten Stunde einigermaßen täuschte, aus dem einfachen Grunde vielleicht, weil er sich da präparirt hatte. In bezug aufs Äußere hat er wenig oder nichts Imposantes, es ist eine ziemlich lange hagere Figur mit braunem ordinärem Gesicht und einem glänzend schwarzen, lockigen Haar. Er geht einher wie ein Stiefelwichser; ein weißes Halstuch, von dem die beiden Zipfel schuhlange vorne heraushängen, ähnlich den Dorfschulmeistern von 1780, gelbe Weste, braunen altmodischen Rock, schwarze nicht weit über die Knöchel gehende Hosen und größtentheils Schuh und weiße Strümpfe ... Kommt er auf den Katheter [!], so thut er gewaltig geschäftig, legt seinen Schlüssel - zu was, weiß ich nicht - auf die rechte Ecke, blättert emsig in seinen halben Schock Papieren und Zetteln, räuspert sich 4mal und beginnt nun 'Meine Herren (geräuspert) wir sind stehen geblieben (geräuspert) bei Telphilas u. s. w., so daß zwischen jeden größern oder kleinern Satz ein Räuspern fällt. Wie lieblich das klingt, kann man sich denken, vorzüglich wenn beides Sprache und Räuspern gerade lautet als wie aus einer leeren Bierkanne. Dabei geht Alles in kurzen, polternden Sätzen, die oft in keinem Zusammenhang stehen, und mit einer Aussprache, die einem zum Eckel bald wird, bald wieder durch die tollen Faxen, die er dabei schnitzt, zum Todtlachen ist [usw.] ...
[August] Böckh, Prof. und Dr. der Philosophie, ist schon ein ganz anderer Mann. Schon sein würdevolles Äußere, wenn er auf den Katheter tritt, imponirt mehr; er ist mittelmäßiger, kraftvoller Statur, hat ein ausdrucksvolles, sehr bockennarbiges [!] Gesicht, ein feuriges Auge und blonde schon ins Graue spielende Haare, die er vorne gescheitelt trägt. Außer dem Katheter geht er etwas gebückt, und außer dem Band des Rothen-Adler-Ordens (3. Classe) erscheint er mit nichten wie der weltberühmte Böckh, sondern wie ein ganz schlichter anspruchsloser und freundlicher Mann. Letztes ist er auf dem Katheter auch, aber nicht so als Ersterer, denn er tritt da mehr als der Gelehrte, sich fühlende Mann auf, der gegen alles irgend Verkehrte mit einem lächelnden Spott loszieht, wozu seine lispelnde Sprache trefflich paßt. Seine Gelehrsamkeit ist hinlänglich bekannt und daher füge ich nichts darüber hinzu. Wohl aber über den Charakter derselben, ich vermisse nämlich auch bei ihr, im Vergleich mit meinem guten Hallenser [Friedrich] Ritschl und mit Heyse, die Gründlichkeit und die Tiefe, wenigstens in seiner jetzigen Vorlesung, der daher das ächt Wissenschaftliche, das Systematische oft mangelt. Er geht mit zu viel Autorität zu Werke, und man soll ihm aufs Wort oft glauben, was aber die Wissenschaft mit nichten dulden noch weniger verlangen kann ...". (Dieses Urteil revidiert Siegfried allerdings später in einer Anmerkung). Es folgen ebenso ausführliche Charakteristiken der Professoren Heyse und v. Henning, mit dem Fazit: "... Fasse ich also Alles zusammen, so habe ich hier gefunden, was ich suchte, ein ächt wissenschaftliches Leben und schon tausendmal habe ich bereut, daß ich in dem todten Halle so manche kostbare Zeit verloren habe, verschwendet habe; daß ich nicht gleich von Anfang hierherzog nach dem schönen Berlin ...".

Mit gleicher Genauigkeit beschreibt Siegfried in den weiteren drei Bänden seine Berliner Jahre, kommentiert jedes Erlebnis, schildert jeden Eindruck, berichtet über Theaterbesuche (z. B. ausführlichst am 26. Juni 1834 über eine Aufführung von Webers "Euryanthe"), die Berliner Gesellschaft, seine Mädchen- und Studentenbekanntschaften, seinen Militärdienst, seine Ehe und vieles mehr, wobei eine Vielzahl prominenter Namen zur Sprache kommen. Werden die dichten Mitteilungen schon gelegentlich durch tabellarische Chroniken unterbrochen, so endet die fortlaufende Erzählung mit einer Art Schlußwort am 16. April 1837. Dennoch setzt er die Chronik in der zweiten Hälfte des dritten (hier: ersten) Bandes in knapperer, teils tabellarischer Form fort und berichtet unter der Überschrift "Adieu Berlin!" auch über einen Besuch in seiner Heimat Zollbrück, aber dann wieder über Berliner Ereignisse bis zum "Schlußstein" (Berlin 15.September 1841), wo er sechs Zeilen aus Friedrich Rückerts "Weisheit des Brahmanen" zitiert: "Schon wieder hat der Baum der Hoffnung fehlgetragen / Und abermals das Reis des Wunsches fehlgeschlagen. / Was ist zu thun? Geschwind, bevor der Tag vergeht / Schlag auf das Tagebuch, worin so viel schon steht. / Trag ein den Fehlertrag, er fehle nicht darin / Und schlag dir dann das Fehlgeschlagne aus dem Sinn." - Die vorliegende Berliner Chronik des C. Siegfried ist in ihrer phänomenalen Gedankenfülle und Detailfreudigkeit nicht nur eine lohnende Lektüre, sondern ein Kulturdenkmal der Stadt von hohem Wert und sollte zumindest in Teilen durch eine Veröffentlichung bekannt gemacht werden.

Schätzpreis
€ 2.000   (US$ 2.200)


Zuschlag
€ 3.000
(US$ 3.300)
(GBP 2.670)
(CHF 3.300)


Los 2739 Siegfried, C.
Manuskript "Erinnerungen aus meinem Leben"
Verkauft

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